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  • über 11.000 Werke

Das Kunstmuseum Frankfurt an der Oder und seine Häuser: Rathaushalle, Packhof und die Sammlung mit Kunst aus der DDR

Bis in die frühen achtziger Jahre wies ein Schild am Rathaus, auf dessen Südseite, die Galerie Junge Kunst als ein Museum aus, das zeitgenössische Kunst der DDR zeigte, Bilder ebenso wie Blätter und Plastiken. Gemeint war die Rathaushalle. Mit ihr nahm 1965 das Kunstmuseum Frankfurt an der Oder seinen Anfang, das bis 2017 unter dem Namen Museum Junge Kunst arbeitete – mit zwei, eine Zeit lang drei Häusern im Zentrum. Zum Kern gehörte die Sammlung des Museums Junge Kunst. Der ZEIT-Museumsführer stufte sie 2012 als wertvollste Kunstsammlung der Bundesrepublik ein und begründete das damit, dass sie ostdeutsche Kunst vollständig und ohne fremde Beimischung bündle.

Raum 1

Die Rathaushalle am Marktplatz

Die Rathaushalle liegt im Erdgeschoss des Rathauses am Marktplatz 1, ein Bau der Spätrenaissance, an den sich der Festsaal aus hochgotischer Zeit anschließt. Ein Vierteljahrhundert lang, von 1965 bis 1990, hing dort die ständige Präsentation der eigenen Sammlung mit Malerei und Plastik aus der DDR; das Jahresprogramm 1990 führt sie noch auf. Danach öffnete sich die Rathaushalle für große Vorhaben, zunächst mit Grafik von Joan Miró 1987, später mit Dix 1995, Kubin 1997, Kollwitz 1999, Beckmann 2000 sowie Max Ernst und Rembrandt 2001. Es folgten die „Rückschau in die Moderne“ mit 111 Künstlern 2009, „Totentanz“ 2011, „Entartete Kunst“ 2013 und 2014 Salvador Dalí. Parallel lief seit 1991 jährlich eine Schau, für die das Haus auf die Sammlung des Museums Junge Kunst zurückgriff – mal nach Bildmotiven, mal nach Entstehungszeit oder Thema gegliedert. 2007 standen die spätgotischen Antichristfenster in der Halle, bevor sie in die Marienkirche eingebaut wurden. Das letzte Kapitel schrieb 2018 Günther Hornig mit rund 110 Arbeiten auf Papier und Objekten in der Spätrenaissancehalle.

Raum 2

Das Kabinett in der Heilbronner Straße

Das Kunstmuseum Frankfurt an der Oder hatte lange ein drittes Haus. Ab 1966 nutzte es eine Villa aus der Gründerzeit, Heilbronner Straße 19 (zu DDR-Zeiten Wilhelm-Pieck-Straße 331): Verwaltung, Depot und im Erdgeschoss das „Kabinett“, in dem die Personalausstellungen mit Arbeiten auf Papier und die Kinderausstellungen der Museumspädagogik stattfanden. 1985 gründete der Direktor Karl-Heinz Kukla dort die Reihe „Werkstatt Junge Kunst“, die bis 1991 auf 22 Ausstellungen kam, unter anderem mit Walter Libuda, Clemens Gröszer, Wolfgang Henne und Detlef Lieffertz, und zu der originalgrafische Siebdruckplakate erschienen. Nach 1990 folgten im Kabinett die jungen Positionen der neunziger Jahre, etwa Judith Siegmunds Statements zur Lage in Frankfurt (Oder) und Słubice (2000) oder 2001 Ute Richters Schilderpaar, auf dem „geschlossen“ stand. 2003 verkaufte die Stadt das Grundstück.

Raum 3

Der Packhof an der Oder

Ab 2003 stellte das Museum im Packhof aus, einem einstigen Speicher am Oderufer (Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Straße 11) mit sechs Räumen. Der Packhof übernahm die Rolle des Kabinetts: Hier zeigte das Kunstmuseum Frankfurt an der Oder, was dem Namen „Junge Kunst“ am nächsten kam, Installationen, Malerei und Objekte von Künstlern der Jahrgänge nach 1960, die polnische Gegenwartskunst aus Zielona Góra (2009) und die Reihe der Personalausstellungen von Stefanie Bühler (2008) über Georg Weise (2013) bis zu „Wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit“ mit vier Künstlern aus Zielona Góra (2014). Ungewöhnlich für den Packhof war 2017/18 die Ausstellung „Wilhelm Lachnit. Sachlichkeit und Melancholie“, die einem 1899 geborenen Dresdner Maler galt.

Zeichnung: spätgotischer Backsteingiebel eines Rathauses am Marktplatz
Zeichnung: langgestreckter Speicherbau am Flussufer
Raum 4

Die Sammlung: Kunst aus der DDR und polnische Grafik

Mehr als 11.000 Werke zählte zum Schluss die Sammlung des Museums Junge Kunst. Sie reichen von Gemälden über Zeichnungen, Aquarelle und Grafik bis zu Skulpturen, Objekten und Installationen, und sie stammen sämtlich aus dem Osten Deutschlands: aus den Jahren der sowjetischen Besatzung 1945 bis 1949, aus vier Jahrzehnten DDR bis 1990 und aus den neuen Ländern danach. Stilistisch liegen expressive und sachliche Lösungen neben neoveristischen, postimpressionistischen, surrealen und informellen Arbeiten, dazu Auseinandersetzungen mit Pop-Art und Postmoderne. Zur Malerei zählen Bernhard Heisig, Werner Tübke, Willy Wolff, Eberhard Göschel, Hartwig Ebersbach und Walter Libuda, zur Grafik Gerhard Altenbourg, Carlfriedrich Claus, Michael Morgner und Moritz Götze, zu den Objekten Hermann Glöckner, Robert Rehfeldt, Georg Herold, Rainer Görß und Via Lewandowsky, zur Plastik Gustav Seitz, Fritz Cremer, Jürgen Schön, Wieland Förster, Werner Stötzer, Rolf Biebl und Sabine Grzimek.

Einen eigenen Akzent setzte das Haus mit Werken von Künstlern, die der DDR den Rücken kehrten oder kehren mussten, darunter Gil Schlesinger, Roger Loewig, Hendrik Grimmling, Lutz Dammbeck und A. R. Penck – eine erklärte Sammlungskonzeption. Ab 1991 kam polnische Gegenwartsgrafik hinzu, am Ende mehr als 400 Blätter, etwa von Janina Kraupe, Edward Dwurnik, Stanisław Fijałkowski und Jerzy Panek. Seit 1996 stellte die Stadt keine Ankaufsmittel mehr bereit; trotzdem wuchs die Sammlung des Museums Junge Kunst weiter, gestützt auf Geschenke, Dauerleihgaben und Fördergeld von Land und Bund. Kunst aus der DDR ist in ihr nicht als Illustration einer Doktrin versammelt, sondern in ihrer stilistischen Breite, von der Werkstatt-Generation der achtziger Jahre bis zu den Klassikern der Nachkriegsmoderne.

Raum 5

Das Kunstmuseum Frankfurt an der Oder nach 2017

Am 1. Juli 2017 fusionierten das Museum Junge Kunst und das Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus zum Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst. Für die Rathaushalle und den Packhof änderte sich zunächst wenig: Beide Häuser wurden weiter bespielt, das Programm für Juli bis September 2017 erschien bereits unter dem neuen Namen, und im Frühjahr 2018 hingen Hornigs Collagen in der Rathaushalle. Die Sammlung wird seither vom Landesmuseum verwahrt; Leihanfragen und Reproduktionsrechte laufen über Cottbus und Frankfurt (Oder), nicht mehr über ein eigenständiges Museum Junge Kunst.

Raum 6

Fragen zum Kunstmuseum Frankfurt an der Oder

Welches Kunstmuseum gab es in Frankfurt an der Oder?

Das Museum Junge Kunst, 1965 als Galerie Junge Kunst gegründet und seit Oktober 1993 unter diesem Namen geführt. Es war das Kunstmuseum der Stadt für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts; das Museum Viadrina am Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Platz deckte als Stadt- und Regionalmuseum die Geschichte ab, das Kleist-Museum die Literatur. Seit dem 1. Juli 2017 liegt die Sammlung beim Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst, das sie in Frankfurt (Oder) und in Cottbus weiterführt.

Was ist die Rathaushalle?

Der Raum im Erdgeschoss des Frankfurter Rathauses (Marktplatz 1) stammt aus der Spätrenaissance; nebenan liegt der Festsaal aus hochgotischer Zeit. Bis 1990 diente die Halle, seit 1965, der ständigen Schau zur Malerei und Plastik der DDR. Später kamen große Themen- und Einzelausstellungen hierher – Miró, Dix, Kollwitz, Beckmann, Dalí –, 2007 die Antichristfenster aus St. Marien und als letzte Schau 2018 Günther Hornig.

Was war der Packhof des Museums?

Ein früherer Speicher direkt am Oderufer, Adresse Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Straße 11, mit sechs Räumen für Ausstellungen. Nachdem die Stadt die Villa in der Heilbronner Straße verkauft hatte, zog das jüngere Programm 2003 hierher: Installationen, Objekte und Malerei, Kunst aus Polen und Einzelausstellungen von Künstlerinnen und Künstlern, die nach 1960 geboren sind.

Wie groß war die Sammlung des Museums Junge Kunst?

Am Ende mehr als 11.000 Arbeiten – Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle, Grafik, Skulpturen, Objekte und Installationen, entstanden in Ostdeutschland zwischen Kriegsende, DDR-Zeit und der Gegenwart der neuen Länder. Hinzu kamen über 400 Blätter polnischer Grafik aus der Zeit nach 1945. Die Stadt finanzierte Ankäufe bis 1996; seitdem kamen neue Werke als Geschenk, als Dauerleihgabe oder mit Geld von Land und Bund ins Haus.

Welche Künstler sind in der Sammlung vertreten?

In der Malerei etwa Bernhard Heisig, Werner Tübke, Willy Wolff, Eberhard Göschel, Hartwig Ebersbach und Walter Libuda; in der Grafik Gerhard Altenbourg, Carlfriedrich Claus, Michael Morgner und Moritz Götze; bei den Objekten Hermann Glöckner, Robert Rehfeldt, Georg Herold, Rainer Görß und Via Lewandowsky; bei der Plastik Gustav Seitz, Fritz Cremer, Wieland Förster, Werner Stötzer, Rolf Biebl und Sabine Grzimek. Gezielt erworben wurden außerdem Arbeiten von Künstlern, die aus der DDR fortgingen, freiwillig oder unter Druck – darunter Gil Schlesinger, Roger Loewig, Hans-Hendrik Grimmling, Lutz Dammbeck und A. R. Penck. Dieser Sammlungsschwerpunkt hatte im Haus einen eigenen Rang.