- 24. Oktober 2014
Von der Galerie zum Landesmuseum
Mitte der sechziger Jahre entstand in Frankfurt an der Oder eine Galerie für zeitgenössische Kunst, die über ein halbes Jahrhundert einen der umfangreichsten Bestände an Kunst aus Ostdeutschland zusammentrug. Die Geschichte des Hauses spiegelt die Kulturpolitik der DDR, den wirtschaftlichen Einbruch der Grenzstadt nach 1990 und die langsame Neuordnung der Brandenburger Museumslandschaft. Fünf Themen prägen diesen Weg: die Gründung, die Häuser, das Sammeln, die Jahre nach der Wende und die Zusammenschlüsse.
Gründung als Galerie Junge Kunst
Die erste Erwerbung ist auf den 5. März 1964 datiert; die meisten frühen Stücke überließen der Rat des Bezirks und das Kulturministerium der DDR der neuen Einrichtung. Eröffnet wurde die Galerie Junge Kunst im Juni 1965, im Oktober desselben Jahres folgte ihr Hauptstandort. Den Rahmen setzte die Kulturpolitik nach dem Mauerbau: Frankfurt wandelte sich damals vom Agrar- zum Industriestandort, und die Kunst sollte dem Sozialismus dienen. Programmatisch war schon die erste Ausstellung im Rathaus, die zu den 7. Arbeiterfestspielen Preisträger des FDGB vorstellte.
Gründungsdirektor war bis 1983 der gelernte Gebrauchsgrafiker Karl-Heinz Maetzke (1915–2000). Er teilte die Maßstäbe der SED, unterschied aber nach dem Urteil der späteren Direktorin Brigitte Rieger-Jähner sehr wohl zwischen künstlerischer und bloß handwerklicher Qualität. Gegenstandslose und konstruktiv-konkrete Kunst, eine ostdeutsche Pop-Variante oder Werke, die Herrschaftsstrukturen befragten, blieben in seiner Amtszeit ausgeschlossen. Jährlich bis zu zehn Wechselausstellungen, ab 1972 jährlich polnische Kunst aus Zielona Góra und später Gorzów sowie ab 1974 die Zweijahresschau „Junge Künstler der DDR“ machten das Haus dennoch lebendig.
Villa, Rathaushalle und PackHof
Erstes Domizil war das Erdgeschoss einer Sommervilla aus der Gründerzeit, die einst einem der wohlhabendsten Bürger der Stadt gehört hatte. Dort lagen das sogenannte Kabinett für Wechselausstellungen, Werkstätten und im Hinterhaus das Depot. Zentraler Ort wurde die Halle des Frankfurter Rathauses: rund 800 Quadratmeter gotischer Raum mit Gewölben der Renaissance, dazu ein hochgotischer Festsaal von etwa 200 Quadratmetern. 1995 erhielt die Rathaushalle eine moderne technische Ausstattung, unterstützt von der Grundkreditbank in Berlin.
Die Villa überstand zwar Rückgabeforderungen früherer Eigentümer, kam danach aber auf die Verkaufsliste der Stadt. Nach dem Verkauf zog das Kabinett im August 2003 in den PackHof, ein früheres Lagergebäude mit 200 Quadratmetern Ausstellungsfläche; auch das Depot musste an einen entfernten Standort wechseln. Für einzelne Projekte kam später die Marienkirche hinzu.
Sammeln in drei Phasen
Unter Maetzke kamen von 1964 bis 1983 genau 5.887 Arbeiten in den Bestand, darunter 433 Gemälde, 216 Plastiken und 476 Werke aus dem Volkskunstschaffen; die Künstler gehörten meist den Jahrgängen der zwanziger Jahre an. Zwischen 1984 und 1990 leiteten Karl-Heinz Kukla und Rudolph Quaiser das Haus, dazwischen kommissarisch Waltraud Osten (Endler). Abgesehen von Ausreisewilligen und Regimekritikern konnten die Kustoden nun frei ankaufen; sie konzentrierten sich auf die Generation der dreißiger und vierziger Jahre; 2.701 Werke kamen hinzu, davon 167 Bilder und 48 Plastiken. Neu war ab 1985 die Reihe „Werkstatt junge Kunst“, eröffnet mit Walter Libuda.
Nach 1990 schloss das Haus den Bereich proletarisch-revolutionärer Kunst von 1883 bis 1945, rund acht Prozent des damaligen Bestandes, sowie 1991 die Laienkunst. Gesammelt wurde fortan Kunst der Jahrgänge 1940 bis 1960, sofern die Künstler zeitweise auf dem Gebiet der DDR gelebt oder gearbeitet hatten, dazu gezielt Werke Ausgereister wie A. R. Penck, Gil Schlesinger, Roger Loewig und Hans-Hendrik Grimmling. Ab 1991 entstand ein Bestand polnischer Grafik mit 441 Blättern, der 2004 mangels Sponsoren nicht weiter wachsen konnte. Einen Überblick über den heutigen Bestand gibt die Seite zur Sammlung.
Die Geschichte des Hauses nach 1990
Mit der Einheit fielen alle Vorgaben für Ankauf, Ausstellung und Publikation weg, zugleich wurde das Geld knapp. Noch kurz vor seinem Ausscheiden hatte Quaiser das Bezirksmuseum der Stadt statt dem Land zugeordnet, und diese Trägerschaft blieb trotz späterer Bemühungen um einen Wechsel bestehen. Im August 1990 übernahm Rieger-Jähner die Leitung. 1989 hatte das Museum 32 Beschäftigte gehabt, 1997 waren es noch neun. Städtische Ankaufsmittel blieben ab 1995 aus, Projektgeld kam jährlich auf Antrag vom Brandenburger Kulturministerium. 1994 wurde aus der Galerie das Museum Junge Kunst, weil viele Gäste die ausgestellten Werke für verkäuflich hielten.
Die Ständige Ausstellung wich jährlich neu zusammengestellten Präsentationen aus dem eigenen Besitz, kuratiert von Rieger-Jähner und ihrem Stellvertreter Armin Hauer. Hinzu kamen Klassiker wie Otto Dix, Käthe Kollwitz, Max Beckmann, Rembrandt und Max Ernst, ab 1997 die Biennale „Meine Welt“ mit dem Wichernheim. Zwischen 1990 und 2014 zeigte das Haus etwa 250 Ausstellungen und erwarb über 2.000 Werke, während die Einwohnerzahl Frankfurts von 1989 bis 2012 um mehr als 26.000 sank.
Fusionen
Im Dezember 2001 wurde das Haus mit dem Städtischen Regionalmuseum Viadrina zusammengelegt, das zuvor 17 Jahre wegen Sanierung geschlossen gewesen war. Ausstellungen wie „Barocke Grotesken“ (2002), „Rückschau in die Moderne“ (2009/2010), „Totentanz“ (2011) und die Dalí-Schau 2014 erreichten auch Berliner Publikum und Studierende der Europa-Universität Viadrina, mit der ab 2010 ein Kooperationsvertrag bestand. Am 1. November 2014 trat Rieger-Jähner in den Ruhestand. 2017 ging das Museum im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst auf.
