- 23. Oktober 2005
Eine Zeichnung aus Gegensätzen
Dargestellt ist eine nackte junge Frau, die auf einem nicht erkennbaren Gegenstand sitzt. Den Umraum lässt Dornis im Ton des leicht getönten Papiers stehen, Raumangaben fehlen. Die Figur rückt dicht an den Betrachter heran, ihr Kopf wird vom Blattrand angeschnitten. Beine und Unterarme bleiben flächig, während Oberkörper und Gesicht plastisch modelliert sind; Hauer beschreibt diesen Wechsel als Dualismus von Abstraktion und Nachahmung.
Daraus ergeben sich weitere Gegensatzpaare: Verhüllen und Zeigen, flache und volumenbildende Zeichenweise, gerade und gebogene, offene und geschlossene Linien. Der rechte Ellenbogen ist durch eine Kontur vom Körper abgesetzt und wirkt wie eine Schablone, die Hand dagegen erzeugt behutsam Raum und leitet zum Gesicht über. Aus der Nähe lassen sich verschiedene Striche unterscheiden, ein kühler, sauberer und ein weicherer mit ausfransendem Rand. Schatten entstehen durch Wischungen und durch klassische Parallelschraffur.
Auch der Blick der Frau bleibt offen. Ihre Haltung wirkt weder herausfordernd noch abweisend, eher verschlossen und zugleich zugänglich; der Katalogtext spricht von einer wohltemperierten Zeichnung.
Leipziger Linientradition
Dornis lebte sehr zurückgezogen. In Leipzig prägte in den Sechziger- und Siebzigerjahren eine sachlich-lineare Figuration das Bild, getragen von der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Manche seiner Altersgenossen verschlüsselten Kritik an den Verhältnissen in der DDR mit antiker und christlicher Symbolik, etwa Sieghard Gille (1941) oder Wolfgang Mattheuer (1927–2004), deren Bilder auf den großen Ausstellungen viel diskutiert wurden. Ebenfalls im Rampenlicht standen Arno Rink und Volker Stelzmann, beide Jahrgang 1940, mit einer versachlichten Dingsprache. Als Verbündete in der Linienkunst nennt Hauer Arnd Schultheiß (1930), Günter Thiele (1930) und den Kupferstecher Baldwin Zettl (1943).
Verwandtschaften sieht der Text außerdem zu den kargen Figurengruppen, die Karl Hofer (1878–1955) in Berlin während der Zwanzigerjahre schuf, und, weiter zurück, zu den Zeichnungen von Philipp Otto Runge (1777–1810), einem Maler der Romantik. Dennoch bleibt Dornis für Hauer ein Einzelgänger. Neben dem „Halbakt“ besitzt die Sammlung von Dornis das Gemälde „Dächer von Plagwitz“ aus dem Jahr 1969 sowie eine Radierung.