- 23. Oktober 2005
Kunst, die Fragen stellt
Der Katalogtext von Brigitte Rieger-Jähner nennt Mattheuer einen Moralisten. Er war überzeugt, dass Kunst den Menschen zwar nicht ändern, wohl aber sein Denken beeinflussen könne, indem sie Dinge fragwürdig mache. Allegorien, Mythen, Sagen und biblische Stoffe, besonders die Geschichten von Sisyphos, Ikarus und Prometheus, wurden ihm zum Ausgangspunkt für Bilder und Grafiken, die auffallend gegenwärtig wirken. Der Katalogtext folgert daraus, dass sich menschliches Verhalten über Jahrhunderte kaum verändert habe.
Mattheuer lernte zunächst Lithograf, besuchte die Kunstgewerbeschule und studierte dann an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, wo Schrift und Druckgrafik im Vordergrund standen. Malen brachte er sich selbst bei. Seine Gemälde sind deshalb von der Linie geprägt. Häufig bereitet die Grafik sie vor, vor allem Lithografie und Holzschnitt, daneben Linolschnitt und Serigrafie. Zu einem Thema entstehen oft über Jahre mehrere Bilder und Blätter. Einer seiner Schüler war Uwe Pfeifer.
Die Sisyphos-Reihe
Die Vorgeschichte des Holzschnitts reicht bis 1972 zurück, zum Gemälde „Die Flucht des Sisyphos“. Schon hier nimmt Mattheuer der antiken Sage ihren ursprünglichen Sinn: Sisyphos entzieht sich der sinnlosen Strafarbeit und flieht. In „Sisyphos behaut den Stein“ (1974) ist der Felsblock zu einer übergroßen steinernen Faust geworden, die Umstehenden bleiben untätig. Mit „Der übermütige Sisyphos und die Seinen“ von 1976 handelt erstmals eine Gruppe gemeinsam: Mit Fäusten jagt sie einem großen Steinkopf nach, während im Hintergrund eine kleine Figur den Stein weiterhin den Berg hinaufrollt. Parallel zu diesem Bild entstand der Holzschnitt.
Mehrdeutigkeit in klarer Form
Auf den ersten Blick scheint die Gruppe durch eine Landschaft zu rennen. Zwei Winkel an den seitlichen Rändern verraten jedoch einen erfundenen Raum, und womöglich bewegen sich die Männer gar nicht vom Fleck, sondern stampfen oder tanzen. Die Faust, in den Gemälden noch eine Drohung, wird hier zur leeren Geste: Die Männer werfen selbst keinen Schatten und haben keinen Gegner, sie stürmen auf den Schatten eines Liebespaares zu. Der Katalogtext deutet das als ironische Brechung eines romantischen Motivs. Gleichmäßige Schraffuren, einfache Formen und der harte Schwarz-Weiß-Kontrast verbinden sich mit einer Bedeutung, die bewusst offen bleibt.