- 23. Oktober 2005
Vom Erzählen zum Zusammenprall
Eishockey beschäftigte Zettl schon 1972. Damals blickte er leicht von oben auf eine Spielergruppe samt Schiedsrichter vor einem verängstigten Torwart, die Eisfläche blieb unbedrucktes Papier, und die Darstellung hatte noch etwas Anekdotisches. In „Bedrängnis“ fällt dieses Erzählen fast ganz weg. Armin Hauer sieht in dem Knäuel aus Körpern ein Sinnbild für Regeln des Spiels, die zu Regeln des Lebens werden, und für den Kampf um Punkte, Vorrechte und männliche Selbstdarstellung.
Eine Abrechnung mit dem Sport ist das nach seiner Lesart nicht, eher eine kulturkritische Randbemerkung. Ungewöhnlich blieb die Schärfe dennoch: Sportmotive waren in der offiziellen Kunst der DDR verbreitet, weil der Leistungssport zum Selbstbild eines Staates gehörte, der um internationale Anerkennung warb. Hans Ticha (1940), ein Maler aus dem Umfeld der Pop-Art, nahm dieses Brot-und-Spiele-Prinzip ebenfalls ab den 1970er Jahren mit „Keulenwaden“ und „Ballköpfen“ aufs Korn.
Vorbild Johannes Wüsten
Mehrfach erwies Zettl dem Görlitzer Kupferstecher Johannes Wüsten (1896–1943) seine Reverenz. Im Stich „Die Sensation (Johannes Wüsten gewidmet)“ von 1971, der ebenfalls zur Sammlung gehört, taucht Wüsten mit spöttischer Miene in einer dichten Menschenmenge auf, während im Hintergrund auf einem kleinen Bahnhof ein Zug entgleist. Die Linienführung ist hier noch ruhig und sachlich, Kanten und Übertreibungen meidet der Stecher weitgehend.
Gegen Ende der 1970er Jahre wurde die Bildsprache des Leipzigers härter und grotesker. Die Figuren rücken dicht an den Bildrand, der Hintergrund kippt nach vorn, die Körper wirken erstarrt oder gebrochen. Diese Unruhe steht in Spannung zur altmeisterlich gleichmäßigen Technik. Neben Akten, Porträts und Genreszenen schuf Zettl alltägliche Dramen im kleinen Format.
Hauer stellt ihn in den Zusammenhang Leipziger Künstler, die sich Ende der 1960er Jahre mit metaphorischen Mitteln dem Alltag zuwandten, etwa Sieghard Gille (1941) und Ulrich Hachulla (1943). Anders als deren oft großformatige Bilder blieben Zettls schwarz-weiße Blätter klein, was ihn zum Außenseiter machte. Sein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig schloss er 1969 ab. Später illustrierte er Werke von Heinrich von Kleist, Clemens Brentano, Georg Büchner und Heinrich Heine sowie die Nibelungen; Näheres steht in der Biografie.