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    Johannes Wüsten: der Kupferstich „Der Seeteufel“ von 1931

    Am Strand wird ein seltener Fang an Land gezogen, und die Badegäste nutzen den Anlass, ihre neueste Bademode vorzuführen. So lässt sich „Der Seeteufel“ lesen, ein Kupferstich von Johannes Wüsten (1896–1943) aus dem Jahr 1931. Das Blatt misst 21,8 × 26 cm, trägt keine Signatur, aber in der Platte das ineinander verschlungene Monogramm „1931 JW“ als Nachlassstempel. 1970 gelangte es in die Frankfurter Sammlung, die inzwischen mehr als dreißig Arbeiten Wüstens besitzt.

    • 23. Oktober 2005

    Badegäste, Fischer und ein harmloser Fisch

    Die Urlauber auf dem Blatt sind mal athletisch, mal mager, mal füllig, eine kleine Typologie städtischer Nervosität. Der Mann im Boot und derjenige, der den Fisch geholt hat, stehen dagegen kräftig und muskulös für die arbeitende Bevölkerung. Der vermeintliche Teufel selbst wirkt kaum noch bedrohlich.

    Armin Hauer ordnet solche Szenen in Wüstens wichtigste Schaffensphase zwischen 1928 und 1934 ein. Die Linien sind kühl und präzise, Schatten entstehen klassisch aus kurzen und langen Parallel-, Schräg- und Kreuzschraffuren. Vor dem Betrachter breitet sich ein Kabinett der ausgehenden Weimarer Republik aus: kleinbürgerliche, verlogene, machtgierige Figuren, vorgeführt wie Präparate. Weil Wüsten gern auf eine Pointe hinarbeitete, erreichte er laut Hauer weder die Schärfe von George Grosz (1893–1959) und Otto Dix (1891–1969) noch das existenzielle Gewicht Max Beckmanns (1884–1950). Bei Porträts von Freunden, Selbstbildnissen und einem Bildnis Lenins tritt der spöttische Ton zurück.

    Ein Leben zwischen Görlitz und Zuchthaus

    Nach einer Tischlerlehre 1914 lernte Wüsten bei Otto Modersohn (1865–1943) in Worpswede. 1922 ließ er sich in Görlitz nieder, wo er Gedichte, Theaterstücke und Beiträge für linke Blätter verfasste, die „Görlitzer Malschule“ leitete und 1931 Theodor Storms Novelle „Aquis submersus“ illustrierte. Ab 1927 radierte er zunächst mit der Kaltnadel, wandte sich aber bald dem längst aus der Mode gekommenen Kupferstich zu. Als Vorbilder schwebten ihm Martin Schongauer und Albrecht Dürer vor.

    1930 schickte er dem Kunstkritiker Adolf Behne (1885–1948), der unter anderem für die „Weltbühne“ schrieb, Blätter einer Görlitzer Gruppe von drei Stechern, die sich den Grabstichel gegenseitig beigebracht hatten. Wüsten trat als Ältester für die Gruppe auf und klagte, außer bei einer Sonderschau der „Juryfreien“ in Berlin hätten sie nirgends gemeinsam ausstellen können, weil sich Grafik für den Handel kaum lohne.

    1932 wurde er Mitglied der KPD und leistete ab 1933 Widerstand. Trotz seiner Emigration geriet er in die Hände der Nationalsozialisten und starb 1943 im Zuchthaus Brandenburg. In der DDR griff unter anderem Baldwin Zettl (1943) Wüstens Stichweise auf, um den Alltag im Sozialismus grotesk zu sezieren; weitere Lebensdaten bietet die Biografie.