- 23. Oktober 2005
Ausbildung bei Otto Dix
Eigentlich wollte Richter Bildhauer werden, doch seine körperliche Verfassung ließ das nicht zu. In einer bürgerlichen Familie, in der es Musiker wie bildende Künstler gab, schwankte er zwischen beiden Berufen und entschied sich für die Kunstgewerbeschule. Ab 1923 arbeitete er freischaffend als Maler und Grafiker in Dresden. Drei Jahre danach ging er an die Dresdner Akademie und war bis 1931 Meisterschüler bei Otto Dix. Gerade die Andersartigkeit des Lehrers habe ihm geholfen, zu sich selbst zu finden, sagte Richter rückblickend.
Anders als Dix ließ er sich in über vier Jahrzehnten kaum von den Ereignissen der Zeit leiten. Brigitte Rieger-Jähner nennt ihn einen konservativen Klassiker: Er suchte das Ausgewogene, Geordnete und Einfache. Kunst bedeutete für ihn, auf eine große, einfache Ordnung zurückzuführen. Maßstab war für ihn die Schwarz-Weiß-Kunst Rembrandts; Käthe Kollwitz schätzte er sehr und tauschte mit ihr eine Arbeit. Freundschaften verbanden ihn mit den Bildhauern Gustav Seitz und Gerhard Marcks.
Kinder, Mädchen, Mütter
Richter beschränkte sich bewusst auf Zeichnung, Aquarell und Druckgrafik. Meist zeigte er einzelne Menschen oder kleine Gruppen im stillen Alltag: Kleinkinder beim Spiel, auf dem Arm der Mutter oder beim Großvater, Mädchen vor dem Spiegel, beim Geigenspiel oder beim Zuhören. Die Gesten sind knapp, ins Erzählerische gleiten die Blätter nie ab. Die Figuren wirken körperhaft, was an den frühen Wunsch nach der Bildhauerei erinnert. Wie Marcks und Seitz baute er Formen aus Kreis, Ellipse und Quadrat auf und ließ sie mit feinen Linien vor hellem Papier stehen oder aus dunklem Grund heraustreten, den er „Urmasse“ nannte.
Unter den Drucktechniken zog er die Lithografie vor, die er in der Regel auf Umdruckpapier zeichnete, mit Kreide, Feder oder Pinsel. Aquarelle malte er nur 1932, 1933 und 1951; die Farbe, sagte er, habe ihm der Krieg genommen. Als Lehrer galt Richter als streng; sein Grundsatz verlangte, dass jeder Strich Sinn und Charakter haben und frisch bleiben solle, statt nach außen zu wirken, nach innen zu gehen und den Kern freizulegen. Zu seinen Schülern gehörten Max Uhlig, Gerhard Kettner, Claus Weidensdorfer, Dieter Goltzsche, Klaus Magnus und Joachim John.