- 23. Oktober 2005
Dresden als Bühne
Bekannt ist Weidensdorfer vor allem als eigenwilliger Zeichner und Druckgrafiker, seine Malerei fand weniger Beachtung. In einem eigenen Text beschrieb er das leere weiße Blatt als Raum aller Möglichkeiten und die zeichnende Hand als Seismografen innerer Bewegung; jede Linie ziehe weitere nach sich, bis die Weite eng und dunkel werde, weshalb er die schwarze Linie vorsichtig setze und das Blatt durchlässig halte. Wie Andreas Dress, der ebenfalls in Dresden lebt, kehrt er immer wieder zur Stadt und ihren Bewohnern zurück. Seine Szenen wirken oft heiter und grotesk, kippen aber leicht ins Unheimliche oder Absurde, und Zeichnerisches und Malerisches gehen dabei ineinander über.
Sein psychologischer Blick richtet sich auf die Bewohner ebenso wie auf Landschaft und Bauten der Stadt. Das 1945 zerbombte Zentrum erscheint bei ihm als versehrter, vernarbter Ort, beschädigt auch durch Neubauten. Tauchen Hofkirche, Zwinger oder barocke Balustradenfiguren auf, schiebt sich ein Betonklotz, ein Plattenbau oder ein unbestimmbares kantiges Gebilde ins Bild. Mitte der Achtzigerjahre zeichnete er zerbrochene Autobahnen als Startrampen für Bomber; Armin Hauer liest das als Kritik an der Aufrüstung des Ostblocks.
Ein Blick in den Bildschacht
Auch auf der Farblithografie schauen die Figuren erschrocken oder fluchtbereit aus dem Bild. Der doppelt rechteckige Aufbau erinnert Hauer an Masaccios „Trinität“ von 1425/26 in der Florentiner Kirche Santa Maria Novella, das als frühestes Fresko der Neuzeit mit Zentralperspektive gilt. Wie Masaccio unter dem Gnadenstuhl mit Stifterpaar ein Skelett auf einem Sarkophag malte, legt Weidensdorfer in die untere Zone des Blattes eine liegende Gestalt. Darüber öffnet sich ein dunkler, tiefer Raum, aus dem Akte, Häuser und maskierte Gestalten herausblicken. Die Ikonografie übernimmt er nicht, wohl aber das gewaltsame Aufbrechen der Fläche, hier der des Papiers.
Was diese Menschen zusammenführt oder zusammenhält, bleibt offen, und Hauer nennt Weidensdorfer deshalb einen unbequemen Bilderfinder. Etwas von außen scheint ihre Aufmerksamkeit zu bannen, wie ein greller Scheinwerfer, der in einen dunklen Raum fällt. Ob es sich um Politik, um Alltägliches oder um die Vergangenheit handelt, entscheidet das Blatt nicht.