- 23. Oktober 2005
Der Grafiker und seine Stadt
Bekannt geworden ist Dress vor allem mit Grafik; sein Hauptthema sind der Mensch und die Stadt, genauer Dresden. Nach dem Studienabschluss 1974 malte er für kurze Zeit Tafelbilder, wandte sich dann aber ganz der Linie zu. Seine Figuren bevölkern das weiße Blatt neben scharfkantigen Architekturen mit tiefen Fluchten. Diese Häuser können die Menschen bedrängen, einschließen, ausgrenzen oder auch schützen. Armin Hauer verbindet das mit dem Motiv vom Einzelnen in der Masse und in der Großstadt, das Expressionisten und Veristen beschäftigte. Zur Ausbildung bei Günter Horlbeck siehe die Biografie.
Der Anlass
Erst der Zusatz in Klammern gibt dem schlichten Titel seine Bedeutung. In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 bombardierte die Royal Air Force Dresden; der Text nennt mehr als 35000 Tote. Bis dahin galt die Stadt als Ort barocker Bauten, Parks und bedeutender Sammlungen wie dem Grünen Gewölbe und den Gemäldegalerien Alte und Neue Meister. Zwinger, Frauenkirche, Schloss, Hofkirche, Kreuzkirche und Semperoper bestimmten ihre Silhouette.
Als Dress die Blätter vierzig Jahre später druckte, lag die Frauenkirche noch als Trümmerberg im Zentrum. Für viele DDR-Bürger stand die Ruine für die Mahnung „Nie wieder Krieg“; die Staatsführung nutzte sie, um vor den Westmächten zu warnen.
Die drei Tafeln
Auf der Farbradierung erscheint die Frauenkirche bereits fast wiederhergestellt, eingehüllt in ein Gerüst. Daneben stehen Augustusbrücke, Kunstakademie, Hofkirche, Semperoper und der Goldene Reiter, zusammengefügt mit den Neubauten an der Prager Straße. Menschen schweben und gleiten durch Architekturen, die an Aquarien erinnern, am hellblauen Himmel ziehen Vogelschwärme, Ballons und Luftschiffe. Hauer liest das Ganze als heiter-skurriles, leicht unheimliches Theater des Aufbruchs, in dem auch leise Kritik steckt.
In der christlichen Tradition ist die Mitte eines Triptychons der Auferstehung und dem Jüngsten Gericht vorbehalten; Dress setzt an diese Stelle die aus Ruinen wiedererstandene Stadt. Die Seitentafeln folgen nicht dem Schema von Himmel und Hölle. Auf beiden zeigen panische Körper und harte Hell-Dunkel-Kontraste Schrecken und Leid. Nach dem Katalogtext verzichtet der Zeichner auf Moral und auf eine historische Bewertung.