- 23. Oktober 2005
Herkunft und Vorbilder
Käthe Schmidt kam 1867 zur Welt; der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich und die Reichsgründung lagen damals noch drei Jahre entfernt. In ihrer Familie verbanden sich christlicher Glaube und sozialistisch-humanistisches Denken. Für ihre künstlerische Orientierung wurden Émile Zola, besonders Gerhart Hauptmann und die Grafik Max Klingers wichtig. Alle drei setzten sich mit den Umwälzungen der Industrialisierung auseinander und wählten dafür Formen, die der offiziellen Kunstlehre widersprachen.
Ab 1891 lebte sie als Frau des Kassenarztes Dr. Carl Kollwitz im Berliner Norden. Über seine Patienten erlebte sie Armut, Prostitution, Krankheit und hohe Sterblichkeit aus nächster Nähe. Schmerz und Trauer prägen deshalb fast ihr gesamtes Werk. Der Katalogtext von Brigitte Rieger-Jähner sieht ihr Werk fern vom lauten Rebellentum der Moderne und dennoch als festen Teil der modernen Kunst. Auf die Rolle einer bloß sozialen Künstlerin lässt sie sich gleichwohl nicht festlegen: Sie selbst begründete die Wahl von Arbeitermotiven damit, dass sie darin Schönheit fand, etwa in den großzügigen Bewegungen der einfachen Leute.
Die Frau als Hauptfigur
In Zeichnungen, Radierungen, Lithografien und Holzschnitten tritt die Frau als Aufrührerin, Trösterin und Mutter auf, aber auch als Trauernde und Opfer. Zu sehen ist das in den Einzelblättern ebenso wie in den Zyklen: 1897 erschien „Ein Weberaufstand“, zwischen 1902 und 1908 entstand „Bauernkrieg“, 1922/23 folgte „Krieg“. Besonders die Selbstbildnisse halten ihre jeweilige seelische Lage fest; mehr als 100 solcher Blätter zählte Otto Nagel in einer eigenen Publikation über ihre Selbstbildnisse.
Das Selbstbildnis von 1924
Kollwitz beschränkte sich hier auf das Gesicht und ließ das Haar weg. Mit weicher Kreide arbeitete sie malerisch fein. Der Blick ist prüfend und zugleich mitfühlend. Strenge und Verzicht, die viele ihrer Selbstbildnisse kennzeichnen, sind spürbar, werden durch das weiche Material aber aufgelockert.
In dieser Zeit war Kollwitz sehr produktiv und angesehen. Bereits 1919 hatte die Preußische Akademie der Künste sie als erste Frau zum Mitglied gewählt, zugleich erhielt sie den Professorentitel. 1925 schrieb sie, wie sehr sie auf Anerkennung von außen angewiesen sei.