- 23. Oktober 2005
Wiederentdeckung 1979
Ein Jahr nach Müllers Tod in Löbau stellte die Leipziger Galerie am Sachsenplatz 1979 seine Grafik und Malerei vor; drei Jahre zuvor hatte sie Paul Fuhrmann auf dieselbe Weise zurück ins Gedächtnis geholt. Das Museum in Frankfurt (Oder) kaufte im selben Jahr sechzehn Zeichnungen und fünfzehn Druckgrafiken, außerdem gingen sechs Aquarelle und drei Gemälde in den Bestand über.
Müller lebte seit 1932 in Löbau, unterrichtete nach dem Krieg unter anderem Kunst und arbeitete ab 1962 wieder freischaffend. Seine stärkste Phase lag damals mehr als drei Jahrzehnte zurück.
Dresden in den Zwanzigern
Nach dem Einsatz im Ersten Weltkrieg studierte Müller von 1919 bis 1923 an der Dresdner Kunstgewerbeschule und danach an der Akademie. In den Ausstellungen der sächsischen Hauptstadt mischten sich Nachexpressionismus, später Impressionismus, veristische und neusachliche Strömungen, Naturalismus und Jugendstil-Nachklänge; abstrakte und konstruktivistische Ansätze blieben Sache von Einzelgängern.
An der Akademie lehrten Oskar Kokoschka von 1919 bis 1924 und ab 1927 Otto Dix, bis die Nationalsozialisten ihn 1933 entließen. Müllers eigene Lehrer waren konventioneller: Ludwig von Hofmann, Max Feldbauer, Ferdinand Dorsch und Otto Gussmann. Der Katalogtext beschreibt Hofmann als alternden Symbolisten, Feldbauer und Dorsch als solide Realisten und Gussmann als Anhänger des Jugendstils. Bei ihnen gewann Müller Sicherheit im grafischen Handwerk.
Menschen am Rand
Seine Motive fand Müller abseits des Glanzes der Zwanzigerjahre: auf trostlosen Spielplätzen, an Straßenbahnhaltestellen, in Fabrikhöfen, Dachkammern und billigen Quartieren. Damit steht er in der Tradition, die seit dem 19. Jahrhundert sozial Ausgegrenzte darstellt. Der Katalogtext von Armin Hauer grenzt ihn vom anklagenden Pathos der Käthe Kollwitz, vom Verismus eines Dix und von Hans Baluscheks erzählenden Milieubildern ab. Müller interessierte die innere Verfassung seiner Modelle, ihr Versunkensein. Anders als der Fotograf August Sander ordnete er sie keiner Typensammlung zu, in der Haltung und Attribute die Person verdecken. Gerade der Widerspruch zwischen äußerer Erscheinung und innerer Verfassung trieb ihn zu seinen besten Bildnissen.
In „Kind mit Ball“ öffnet sich der Bildraum, sodass das Mädchen nicht bloß als begutachtetes Gegenüber erscheint. Müller verzichtet auf karikierende Übertreibung; anders als oft bei Dix wird das Gesicht nicht zur Maske. Es wirkt wach, früh gealtert, und lässt mehrere Deutungen zu. Das Haar trägt das Kind hochgesteckt.