- 23. Oktober 2005
Ausbildung und Ahnenreihe
Niemand, so Kettner, könne sich aus seiner Traditionskette, seiner Umgebung und seiner Form lösen. Er verstand sich als Zeichner und sah sich in einer europäischen Linie von Künstlern, die den Menschen ins Zentrum stellten. Genannt werden Michelangelo Buonarroti, Adolf von Menzel, Käthe Kollwitz, Gerhard Marcks, Otto Dix, Hans Grundig, Max Schwimmer und Hans Theo Richter. Die drei Letzteren waren 1951 bis 1955 seine Lehrer an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste. Von deren erzählerischer, auf Situation und Anekdote zielender Auffassung löste er sich schrittweise, am mühsamsten dort, wo er neue Inhalte mit neuen Mitteln verbinden wollte.
Davor war Heinrich Burkhardt in Altenburg sein Lehrer an der dortigen Museumsschule gewesen, und Kettner hatte danach in Weimar studiert, unter anderem bei Otto Herbig. Bereits die frühen Kreidezeichnungen zeigen seine Vorliebe für stille, nach innen gewandte Modelle. In manchen Folgen und Gruppenszenen klingt der Hell-Dunkel-Kontrast von Kollwitz an, doch anders als sie wandte er sich bald einzelnen, benennbaren Menschen zu.
Licht als Kälte
Zunächst modellierte das Licht bei Kettner die Gesichter weich und machte sie verletzlich. Ab den Siebzigern, noch deutlicher im folgenden Jahrzehnt, verwandelt sich das Papierweiß in einen kalten Grund. Es isoliert die Dargestellten, löst sie aus Ort und Gesellschaft und lässt sie als Einzelfiguren vor dem Betrachter stehen. Der Katalogtext von Armin Hauer beschreibt, wie die Porträtierten dabei den Blick erwidern und sich zugleich verschließen.
Kettner konzentrierte sich auf die Oberfläche des Gesichts; die Köpfe gleichen oft verwittertem Stein. Beispiele sind mehrere Zeichnungen der Frau Matthes von 1976, Selbstbildnisse aus den späten Achtzigern, Blätter seiner kranken Mutter von 1977 und ein Bildnis des Schauspielers Rolf Hoppe. Psychologische Ausdeutung braucht es dafür nicht; der Katalogtext verweist auf Heiner Müllers Gedanken, dem Menschen bleibe am Ende nur sein Körper. Je länger man hinsieht, desto mehr verschließen sich die Gesichter.
Das Blatt im Detail
Der tiefe Standpunkt betont die dünnen, von Alter und Krankheit gezeichneten Beine und Hände. Eine dunkel schraffierte Bluse liegt zwischen dem hellen Rock und dem Kopf, dessen trapezförmiger Schädel von lichtem, hochgestecktem Haar umgeben ist. Kissen und Stuhl umschließen den knochigen Körper wie eine Schale. Die Augen über den schweren Tränensäcken wirken müde, fast erloschen, während die Knochen die Umrisse hart bestimmen.