- 8. September 2002
Harald Reiner Gratz im Kabinett
Vom 8. September bis 3. November 2002 war der Maler aus Schmalkalden, Jahrgang 1962, unter dem Titel „Verwerfungen“ zu sehen. Acht Jahre vorher hatte er sich mit kleinen Papierarbeiten an der Gruppenschau junger Thüringer im selben Raum beteiligt. Nach seinem Abschluss an der Dresdner Kunsthochschule 1991 bestimmten ein spätexpressiver Malstil und leuchtende Farben seine Arbeit; später ließ er auf einer einzigen Leinwand ganz unterschiedliche Stile aufeinandertreffen, vom Ornament über fotorealistische Passagen bis zum Informel. Der Text von Armin Hauer vergleicht ihn mit einem Regisseur, der Alltägliches und Schicksalhaftes gleichermaßen ins Bild holt und die medial geprägte Wahrnehmung seziert, ohne zu werten. Eines der Bilder war „Suite – 27th street“ von 2001, Öl auf Leinwand, 60 × 70 cm. Ausführlicher: Harald Reiner Gratz, „Verwerfungen“.
Frauen-Bilder aus der DDR in der Rathaushalle
Vom 4. August bis 10. November 2002 stellte die Rathaushalle Werke von 52 Malern und Bildhauern aus vier Generationen vor, die alle aus dem eigenen Bestand stammten. Seit 1990 wurde die Sammlung dort jährlich für rund drei Monate unter wechselnden Gesichtspunkten präsentiert; diesmal ging es um die Darstellung der Frau. Die Spanne reichte von Rudolf Berganders Trümmerfrauen der frühen 50er Jahre bis zu einer Plastik von Frank Seidel. Bernhard Heisig war mit dem „Bildnis der Mutter“ von 1972 vertreten, Clemens Gröszer mit dem „Bildnis Sabine Knom“ von 1983, Carl Marx mit „Ist was?“ von 1976. Ausdrücklich hob Hauer Bilder von Regina Fleck, Carla Woisnitza und Ellen Fuhr hervor. Neben bekannten Staatskünstlern wie Willi Sitte und Wolfgang Mattheuer kamen selten gezeigte Positionen zur Geltung: der Kokoschka-Schüler Gustav Alfred Müller mit einem Bild kriegsgefangener Frauen, die farbigen Radierungen von Max Lachnit und Zeichnungen der Bildhauerin Lucie Prussog. Von Walter Arnold war die Bronze „Jugend, Baumeister der DDR“ aus dem Jahr 1951 zu sehen. Mehr dazu unter Frauen-Bilder aus der DDR.
Andreas Sachsenmaier im Festsaal
Vom 11. August bis 13. Oktober 2002 standen im hochgotischen Festsaal drei übergroße Boxen unter dem Titel „Ideal zustand 3 x Boxen“. Ihr Gerüst bestand aus Leisten, bespannt mit feinem Maschendraht; die zur Rathaushalle zeigenden Seiten waren mit Leinwand verschlossen. Darauf wanderten im Halbdunkel Textfragmente von oben nach unten, nur kurz lesbar. Sie stammten aus Briefen Heinrich von Kleists (1777–1811), aus Friedrich Hölderlins Roman „Hyperion – Der Eremit in Griechenland“, entstanden 1794 bis 1799, und bei Karoline von Günderode (1780–1806, Pseudonym Tian) aus Briefen und aus der „Geschichte eines Braminen“ von 1805. Auf dem Boden jeder Box standen Tassen, Kannen, Schüsseln, Terrinen und Schalen. Geräusche ließen an weite, hallende Orte denken und kontrastierten mit dem über 500 Jahre alten, weiß gefassten Saal.
Sachsenmaier bezog sich nach eigener Aussage auf Frankfurt als Geburtsort Kleists und auf die Romantik als Gegenbewegung zur aufkommenden Moderne. Die Installation war seine erste Arbeit, die sich gezielt mit Schrift und Sprache befasste. Zuvor hatte er über Jahre mit Thomas Sander synästhetische Projekte aus Malerei, Druck, Objekten, Klang und Video realisiert; seit etwa zwei Jahren arbeiteten beide getrennt. 2001 war Sachsenmaier von Schwerin nach Berlin gezogen.