- 29. Januar 2012
Vier Studentinnen der Viadrina
Clotilde Ané, 1992 bei Paris geboren und seit 2010 Sprachstudentin in Reims, verbrachte ein Erasmus-Jahr an der Viadrina und absolvierte im Museum ein Praktikum von 280 Stunden. Sie berichtet, wie sie half, aus den zahlreichen Schenkungen von Claus Hänsel, einem Künstler aus Bremen, auszuwählen, Aquarelle katalogisierte und Jahresprogramme und Einladungen aus zwei Jahrzehnten ordnete. Für die Vorbereitung der Ausstellung „Entartete Kunst“ stellte sie politische Daten der Jahre 1920 bis 1945 zusammen. Besonders prägte sie die Begegnung mit der Malerin Erika Stürmer-Alex bei deren Ausstellungseröffnung; ohne das Gespräch mit ihr, so Ané, wäre ihr dieses Werk fremd geblieben. Ihr Text trägt das Datum 30. April 2013.
Susanne Dräger betont, dass ein Werk umso mehr preisgibt, je mehr Wissen aus Geschichte, Politik, Philosophie und Kunstgeschichte der Betrachter mitbringt. Als Beispiel dient ihr Tremezza von Brentanos (1942) Bild „Rosa Kleidung mit drei Rehen“, das persönliche Vorstellungen von Schönheit mit dem medial geprägten Ideal konfrontiere.
Anne Frenkel beklagt, dass das beschleunigte Bachelor- und Mastersystem kaum Zeit für Museumsbesuche lasse; viele Kommilitonen pendelten nach Berlin. Gerade das Gespräch mit Künstlern biete Einblicke, die anders nicht zu haben seien. Den Wert des Museums sieht sie auch als Gegengewicht zu Werbung, Konsum und medialen Schönheitsidealen, und sie wundert sich, wie oft die Träger diese Orte unterschätzen. Nadine Bednorz stützt sich auf einen Bildungsbegriff von Karl Ermert, der seit 1999 die Wolfenbütteler Bundesakademie für kulturelle Bildung leitet, und hebt Konzentration und Ruhe als Voraussetzungen ästhetischer Erfahrung hervor.
Statements aus Universität und Ministerium
Gunter Pleuger, Präsident der Viadrina, verwies auf die seit rund drei Jahren bestehende Zusammenarbeit mit dem Museum. Kunst spiegele die Wirklichkeit, entwerfe Zukunft und könne durch Provokation verändern, wie bei Otto Dix und George Grosz zu sehen sei; in offenen Gesellschaften sei das erwünscht, in autoritären werde es bekämpft. Die Universität betrachte das Museum deshalb als festen Teil ihrer Universitas litterarum.
Brandenburgs Wissenschafts- und Kulturministerin Sabine Kunst hob hervor, dass in Frankfurt ostdeutsche Kunst von den historischen Beständen bis zur Gegenwart gesammelt werde, was kein anderes Museum leiste. Das Haus sei seit Langem erfolgreich in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Sammlungen müssten durch Ankäufe neuer Werke lebendig bleiben und so die Gegenwart dokumentieren.
Zwei frühere Rektoren der Viadrina
Hans N. Weiler, emeritierter Professor der Stanford University, erinnerte sich im April 2012 an seine erste Museumserfahrung: Als Neunjähriger fand er nach der Zerstörung des Elternhauses in einer Bombennacht Zuflucht im Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum. Museen versteht er als Orte gesellschaftlicher Selbstvergewisserung, die aktiv auf Kinder, Alte, Kranke und Arbeitslose zugehen müssten. Als Belege nennt er Kooperationen amerikanischer Kliniken mit Kunstmuseen, etwa in Boston, und Universitätsmuseen von der Yale University Art Gallery (1832) bis zum Cantor Museum in Stanford.
Gesine Schwan von der Humboldt-Viadrina School of Governance schrieb im Mai 2012 gegen die Neigung, in Sparzeiten zuerst bei der Kultur zu kürzen. Die Ausrichtung aller Lebensbereiche am wirtschaftlichen Ertrag habe das Denken verengt. Gerade zeitgenössische Kunst durchbreche Gewohntes, verlange vom Betrachter, an ihrer Deutung mitzuwirken, und schule die Fähigkeit, Alternativen zu denken – eine Fähigkeit, von der nach Schwans Argument auch Innovation in der Wirtschaft abhängt.