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    Wilhelm Müller: Blatt 23 der Kassette „Konstruktive Übung“, 1991

    Ein schmales Querformat von 21 × 62 cm, gezeichnet mit Bleistift, Silberstift und Silbertusche: Das 23. und letzte Blatt der Kassette „Konstruktive Übung“ von 1991 kam 1993 in die Frankfurter Sammlung. Sein Urheber, der Dresdner Wilhelm Müller (1928–1999), hatte das Thema dieser Folge schon um 1965 aufgenommen und über Jahrzehnte weiterverfolgt. Bezeichnet ist das Blatt auf der Rückseite.

    • 23. Oktober 2005

    Von der Halbierung zum Halbkreis

    Die Kassette führt Schritt für Schritt vor, womit Müller arbeitete: Linien, die eine Fläche gliedern. Am Anfang liegt das leere Papier. Eine waagerechte Teilung folgt, dann eine senkrechte, dann ihre Verbindung; später treten Kreissegmente hinzu. Auf dem Schlussblatt hat sich ein Kreis in drei Halbkreise aufgelöst, aus dem Eckigen ist eine Wellenbewegung geworden.

    Armin Hauer, der das Blatt kommentierte, verweist auf eine Eigenheit des Silberstifts. Der metallische Strich fängt das Licht, sodass die Linien je nach Blickwinkel vor dem Weiß zu stehen oder darin zu verschwinden scheinen. Gerade bei einem so streng geplanten Verfahren behält das Material damit ein Eigenleben, das sich nicht ganz steuern lässt.

    Weitere Werkgruppen und Bezüge

    Aus der Übung gingen mehrere Folgen hervor. Eine davon widmete Müller seinem Lehrer der Jahre 1964 bis 1966: „Konstruktive Übung. Hermann Glöckner gewidmet“ (1966/78). Hinzu kamen eine Gruppe mit Kreissegment und Halbkreis von 1985 und ab 1990 farbige Zeichnungen unter dem Titel „Variationen zu einem Thema von Otto Freundlich“, in denen Blau, Violett, Rot und Grün neben Schwarz auftauchen – für diesen Zeichner eine seltene Farbigkeit. Hauer liest die Farbe in diesen Blättern als Störfaktor, der das rechtwinklige Gerüst unterläuft. Von seinen Farbflächentafeln, die ebenfalls auf Teilungsprinzipien beruhen, besitzt das Museum zwei.

    Neben der geometrischen Disziplin lief von Beginn an ein freierer Strang. Müller nutzte Tröpfeltechnik, Monotypie, Schablonendruck, eingeriebene Farbpigmente und Abreibungen von Gegenständen, um spontan entstehende Strukturen festzuhalten. Beide Haltungen begleiteten ihn bis zum Tod, und in beiden blieb er dem Material eng verpflichtet.

    In einem Statement, datiert Dresden, 8. Januar 1985, lehnte Müller eine eigene Theorie ab und nannte das Wort „konstruktiv“ für sich eine bloß formale Kategorie. Seine Wurzeln verortete er bei Karl Rade und Erich Zschieche und damit in der Dresdner Kunst- und Gewerbeschule.

    Hauer vergleicht das Werk mit dem von Manfred Luther (1925), Horst Bartnig (1936), Karl-Heinz Adler (1927) und Hermann Glöckner (1889–1987). Im Vergleich wirke Müllers Beitrag leiser und kühler; eben diesen Ton liest der Kommentar als seine besondere Stimme unter den konstruktiv arbeitenden Künstlern in Deutschland.