- 23. Oktober 2005
Von den Dampferbildern zu den „Tafeln“
Glöckners Entwicklung verläuft folgerichtiger, als es zunächst scheint. Ende der Zwanzigerjahre bemerkte er in seinen sachlichen Bildern von Dampfern und Giebeldächern eine geometrische Grundstruktur. Daraufhin untersuchte er Teilungen, Rhythmen und räumliche Brechungen mit den Mitteln der Linie. Zwischen 1930 und 1937 entstanden die konstruktivistischen „Tafeln“: kleine Pappen in genormtem Format, beidseitig mit Linien und Farbabstufungen gegliedert, nach harmonischen Teilungen, Spiegelungen und Linienbrechungen. Die Tafeln werden so zu Körpern im Raum, die sich nicht mehr allein als Fläche lesen lassen.
Schon damals ist seine Farbe fein abgestuft und trotz der Reduktion sinnlich. Hauer erkennt darin ein Nachklingen des Dresdner Spätimpressionismus, das in allen Werkphasen spürbar bleibt.
Material und Zufall
Nach dem Krieg kamen zu Spiegelungen und Brechungen spielerische Versuche mit Formen und Materialien hinzu. Fundstücke dienten als Objekte, als Druckvorlagen und für informelle Strukturen. Glöckner selbst verstand diese vom Zufall gelenkten Arbeiten als Erholung von der Mühe der konstruktiven Arbeit und wollte sich nie ausschließlich als Konstruktivist sehen. Zur Linie traten Kurven, Bögen und Schlaufen, mitunter mit organischen Anklängen. In seinem letzten Jahrzehnt zeichnete er große Schwünge aus dem ganzen Arm.
Die Mappe
Die Schablonendrucke folgen einem seriellen Prinzip der Variation. Ihre Farbe überstrahlt die scharf begrenzten Formen und nimmt den Schnittkanten die Härte. In seinem Buch, das 1983 im Buchverlag Der Morgen erschien, als er 94 Jahre alt war, schildert Glöckner das Verfahren; die Publikation bedeutete für ihn eine späte Würdigung in der DDR. Vorausgegangen war den Linoldrucken eine Werkgruppe von Glasdrucken. Für die Mappe zerschnitt er eine Linolplatte in Kurven und zog die Teile zum Teil auseinander, sodass die Schnitte selbst zu Formen wurden. Die Teile strich er mit Wasserfarbe ein und druckte sie auf dem Tisch liegend, mit aufgelegtem trockenem oder feuchtem Papier. So kamen über 250 Drucke zusammen; später ordnete er die Teile neu und wählte zehn Varianten für Mappen aus.
Die Sammlung besitzt weitere streng konstruktive Blätter Glöckners sowie zwei Skulpturen: die „Räumliche Brechung eines Rechtecks“ von etwa 1955 und „Zwei ineinander verklammerten Scheiben“ (1973).