- 23. Oktober 2005
Ein Freundeskreis in Ost-Berlin
Tucholke wurde 1934 in Berlin geboren, besuchte bis 1952 die Oberschule und studierte von 1952 bis 1957 in Berlin-Weißensee. In einem Katalog der Ost-Berliner Galerie „Arkade“ von 1980 schilderte er die Ausbildung als eher bescheiden und die Lehrer als freundlich. Wichtiger wurde die Bekanntschaft mit Hanfried Schulz, Robert Rehfeldt und Ingo Kirchner zu Beginn der Sechzigerjahre, zu der später die Brandenburgerin Erika Stürmer-Alex kam. Gemeinsam verbanden sie Anregungen von Dada, Surrealismus und Expressionismus mit Pop-Art und Informel, jeder auf eigene Weise.
Armin Hauer nennt Tucholke einen politischen Künstler, der sich von der Kulturbürokratie nicht vorschreiben ließ, was er zu tun hatte, und bis zuletzt fragte, was nach dem Verlust der Utopie einer gerechteren Gesellschaft kommen könne. Bekannt sind vor allem seine Zeichnungen und Grafiken, doch schon in den Sechzigern entstanden Assemblagen, Collagen und Bilder, zuerst informell, dann mit Fotos, Abreibungen und technischem Abfall. Ab Ende der Siebziger beschäftigte ihn die Geschichte Preußens und des Dritten Reichs; später baute er, angeregt auch von Edward Kienholz, mannshohe Objekte aus Fundstücken. Das Museum besitzt mehrere solcher Objekte aus zwei Jahrzehnten und zwei Materialbilder von 1970.
Collage als Denkform
In der Sammlung liegen wichtige Zyklen und Einzelblätter aus allen Phasen seiner Federzeichnung und Druckgrafik. Literatur, Wissenschaft, Technik, Geschichte und Kunstgeschichte lieferten ihm Bildmaterial, das er wie aus einem Steinbruch abbaute, um darunter liegende Strukturen freizulegen. Über die Jahrzehnte wurde seine Bildsprache zunehmend suggestiver und gefühlsbetonter. Das Prinzip der Collage, früh in seinem Werk angelegt, bestimmt auch „Energie III“. Hauer vermutet Anstöße durch Raoul Hausmann und Kurt Schwitters, später auch durch die leuchtenden Flächen des Amerikaners Robert Indiana, mit dem die Collagen dieser Jahre die ruhige, mittige Ordnung teilen.
Technische Details sprengen zwar das Format, dennoch wirkt die Welt im Blatt geordnet und beherrschbar. Darin klingt der Glaube an eine saubere Energiezukunft an, der damals in Europa verbreitet war und sich auf Computer- und Informationstechnik stützte. Wie eine Spielkarte zeigt das Motiv eine helle Zukunft, die die dunkle Karte der Umweltzerstörung durch Atom- und Wärmekraftwerke vorerst noch sticht. Der drohenden Katastrophe widmete sich Tucholke etwas später in eigenen Arbeiten.