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    Wilhelm Rudolph: Holzschnitte zum zerstörten Dresden, „Am Amalienplatz“ 1947

    Von Wilhelm Rudolph (1889–1982), Maler und Grafiker des Dresdner Spätimpressionismus, besitzt die Frankfurter Grafiksammlung deutlich mehr als sechzig Blätter. Neben Landschaften und Tierbildern aus der Zeit vor dem Krieg gehören dazu Holzschnitte aus dem Zyklus „Dresden 13. Februar 1945“. Eines davon ist „Am Amalienplatz“ von 1947, ein Handdruck von 52 × 64,5 cm (Darstellung 39,7 × 50 cm), rechts unten signiert und 1970 erworben.

    • 23. Oktober 2005

    Zeichnen in der Ruinenstadt

    Das Datum im Titel meint die Luftangriffe der Royal Air Force auf Dresden in der Nacht zum 14. Februar 1945. Rudolph begann noch im selben Monat, zwischen den Trümmern zu zeichnen; das erste Blatt zeigte die Ruine seines eigenen Hauses. Bis zum 8. Mai hatte er nach eigener Aussage fünfzig Zeichnungen fertig, obwohl Soldaten ihn vertrieben und die Arbeit zuletzt gefährlich wurde. Die Legende, er habe während des Angriffs gezeichnet, wies er gegenüber dem Schriftsteller Horst Drescher scharf zurück: In jener Nacht sei es nur ums Überleben gegangen, die Stadt habe tagelang gebrannt. Er erinnerte sich an die hellen Farben des ausgeglühten Sandsteins und an Glas, das wie Schnee zerfiel.

    Die meisten Holzschnitte schnitt er um 1947 nach diesen Zeichnungen. Armin Hauer hält die Art, wie Rudolph die Zerstörung grafisch festhielt, für einmalig in der deutschen Kunst nach 1945: Die Blätter klagen nicht an und trauern nicht, sie stellen fest. Die brüchige, vereinzelte Struktur der Schnitte verstärkt den Eindruck des Unfassbaren.

    Häuser mit Gesichtern

    Lange Zeit waren die Blätter in der DDR unerwünscht. Gefragt waren Bilder vom Aufbau, Schornsteine und Neubauviertel; Hauer erinnert an die Zeile „Auferstanden aus Ruinen“ aus der Nationalhymne von Johannes R. Becher und an die Formalismusdebatte um 1950. Im Westen, so der Text, verdrängte das Wirtschaftswunder den Blick zurück, im Osten die verheißene Zukunft. Trauer und Aufarbeitung wichen in beiden deutschen Staaten dem Aktionismus und der Verdrängung.

    Anders als die Aufnahmen des Fotografen Richard Peter sen., die Tote, Ruinen und Trümmerpanoramen zeigen, blickt der damals 56-jährige Rudolph aus den Schneisen der Zerstörung heraus auf einzelne Fassaden. Kaltes Licht, harte Schatten und das bizarr aufgebrochene Mauerwerk heben die zerstörten Bürger- und Mietshäuser aus dem weißen Papier. Dass gerade die sinnliche Brillanz der Grafik die Zerstörung zeigt, wirkt paradox und verstört; die ausgebrannten Häuser scheinen den Betrachter anzustarren wie Gestalten aus einem Albtraum. Jedes Haus bekommt so etwas wie ein Gesicht, und die Blatttitel lesen sich wie Grabinschriften: Mathildenstraße, Amalienplatz, Moritzstraße, Zöllnerstraße, Am Königsufer, Strehlener Straße, Berliner Straße.