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    Lucie Prussog: die Grafitzeichnung „Verzweiflung“ von 1961

    Lucie Prussog (1900–1990) zählte zu den wenigen Frauen ihrer Generation, die als Bildhauerinnen und Zeichnerinnen arbeiteten. Die Frankfurter Sammlung erwarb 1990 ihre Grafitzeichnung „Verzweiflung“ aus dem Jahr 1961, ein Blatt von 29,6 × 41,8 cm, auf der Rückseite bezeichnet. Es gehörte zur Sammlungsschau „Arbeiten auf Papier“ 2005/06; ihr Lebensweg ist in der Biografie ausführlicher nachzulesen.

    • 23. Oktober 2005

    Von Breslau an die Dresdner Akademie

    Die Tochter eines Breslauer Kaufmanns unterrichtete zunächst als Lehrerin. Der Bildhauer Rückert weckte ihr Interesse an der Plastik; mit 24 Jahren ging sie als Volontärin an die Keramikfabrik in Bunzlau und studierte anschließend Bildhauerei an der Dresdner Kunstakademie. Carl Albiker, bei dem sie lernen wollte, lehnte Frauen als Schülerinnen ab, und so kam sie zu Georg Wrba. Das Verhältnis blieb gespannt und endete 1929 mit ihrem Ausschluss von der Akademie. Armut begleitete sie schon im Studium und danach erst recht; mehrfach lag sie wegen Unterernährung lange im Krankenhaus.

    Diese Erfahrungen machten sie politisch. 1929 trat sie der ASSO bei, 1932 gehörte sie zu den Gründern der Dresdner Sezession. Im selben Jahr sah sie in Dresden erstmals Plastiken Ernst Barlachs, einige Jahre später Werke von Käthe Kollwitz, und fand darin ihre eigene Richtung bestätigt. Ihre kleinen Gipsfiguren und die Zeichnungen der Zeit vor 1945 leben von einfachen Volumen und geschlossenen Blöcken: Frauen beim Waschen oder Wassertragen, Liebende, trauernde Paare. Schräg verlaufende Achsen bringen Bewegung hinein.

    Nach 1945: Blätter statt Plastik

    1945 wurde ihr Atelier ausgebombt. Weil Material fehlte, arbeitete sie fortan fast nur noch auf Papier, und die Handschrift änderte sich. An die Stelle der weich modellierenden Kaltnadelradierungen trat eine flächigere, stärker abstrahierende Zeichenweise. Brigitte Rieger-Jähner vermutet darin den Einfluss des Ausdruckstanzes, den Prussog in Dresden auf der Bühne und bei Veranstaltungen der ASSO erlebt hatte; schreitende, aufsteigende und schwebende Gestalten bestimmen viele Blätter dieser Jahre.

    „Verzweiflung“ fällt aus dieser überwiegend lebensbejahenden Reihe heraus. Die Gliedmaßen der Figur sind stark gelängt, der Körper bricht zusammen und bildet dabei ein ungleichseitiges Dreieck, dessen Diagonale das Blatt beherrscht. Die Vereinfachung zur Fläche bündelt Erschütterung und Erschöpfung in einer einzigen Gebärde. Mit dem weichen Grafitstift setzte Prussog Schraffuren in Schwarz und Weiß, die dem Körper beinahe architektonisches Gewicht geben.