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    Hans Scheuerecker: Gouache „Ohne Titel (Kopf)“ aus der Folge „Gesichte“

    Hans Scheuerecker, Jahrgang 1951, stammt aus Cottbus und brachte sich die Kunst selbst bei. Seine Gouache „Ohne Titel (Kopf)“ von 1989/90, 75,2 × 50,2 cm groß und unbezeichnet, erwarb das Frankfurter Museum unmittelbar nach ihrer Entstehung. Sie gehört zur offenen Bildfolge „Gesichte“, die 1984 begann, und war 2005/06 in der Sammlungsschau „Arbeiten auf Papier“ (Jahresprogramm 2005) zu sehen.

    • 23. Oktober 2005

    Performer in Cottbus

    In den Achtzigerjahren sorgte Scheuerecker in der DDR für Aufsehen, in der offiziellen wie in der alternativen Szene. Bei seinen Aktionen bemalte er meterlange Papierbahnen, dazu wurde Free Jazz gespielt; junge Frauen mit bemalten Körpern brachen durch die Bilder hindurch, manchmal tanzten Tänzerinnen dazu. Für diese Auftritte sägte er Figuren seines Bildpersonals als Silhouetten aus Hartfaser aus und holte das Bild so in den Raum. Zu den Beständen des Museums zählt etwa die Figurengruppe „Der letzte Tanz“; ein Katalog des Hauses von 2000 widmete diesen Aktionen einen Beitrag.

    Der Künstlerverband, dem er seit 1979 angehörte, wusste mit solchen Auftritten wenig anzufangen. Von Cottbus aus, einer Stadt ohne nennenswerte Kunstszene, stellte er dennoch in den großen Zentren ebenso aus wie an kleineren Orten.

    Vom Naturstudium zum Zeichen

    Anfangs malte er gegenständlich nach der Natur, in der Nähe des deutschen Expressionismus, der Dresdner Farbkultur und der stillen Figuren Amedeo Modiglianis. Ende der Siebzigerjahre machte sich die Linie in seinen Zeichnungen selbstständig, Anfang der Achtziger folgte der Wechsel zu seinem eigentlichen Stil. In der Folge „Gesichte“ entstehen erfundene Köpfe, Landschaftszeichen und Flächen zur Meditation. Was spontan aussieht, ist mühsam erarbeitet: Eine kleine Zeichnung wird mit dem Projektor vergrößert, danach tilgt Scheuerecker alles Zufällige, bis ein geschlossenes Bildzeichen bleibt.

    Erklärungen liefern die Blätter nicht, und anders als A. R. Penck baut er keine Dialoge aus Zeichen. Armin Hauer erkennt einen Horror vacui, der ihn mit Kinderzeichnung, Art brut und Graffiti verbindet. Auf die anfangs heftige, sinnliche Linie folgte ein Alphabet psychogrammartiger Zeichen, mitunter mit Ornament und Kurven gespielt; der Strich erinnert den Autor an asiatische Federzeichnungen. Ende der Achtziger kehrte die Farbe zurück, erst als neutrales Band, dann als ausgewogene Fläche zwischen Figuren und Zeichen. Die nervöse Brüchigkeit der Linie trat zurück, an ihre Stelle kam mitunter eine virtuose Eleganz. Seither baute Scheuerecker den Wohlklang großer Farbflächen weiter aus, was Hauer in der deutschen Kunst für selten hält. Er verortet ihn deshalb zwischen der linienbetonten deutschen Zeichenkunst und den Farbklängen des späten Henri Matisse.