- 23. Oktober 2005
Ein Weg durch mehrere Länder
Schlesinger wuchs in einem freisinnigen jüdischen Elternhaus mit musischem und geistigem Anspruch auf. Der Talmud und die hebräische Schrift prägten früh seine Vorstellungswelt, zugleich erlebte er als Kind die Härte des nationalsozialistischen Alltags. Nach dem Krieg ging er nach Israel, wo ihm Intellektuelle und Künstler handwerkliches Können und neue geistige Horizonte vermittelten. 1955 folgte er seiner Mutter in die DDR und fand in Leipzig zu der Bildsprache, die er seither beibehielt: Farbe in raschem, großzügigem Gestus, fließende Übergänge zwischen Gegenstand und Abstraktion. Keiner Richtung eindeutig zuzuordnen, wirken die Bilder zugleich zeitgenössisch und zeitlos.
Im offiziellen Kunstbetrieb der DDR blieb Schlesinger mit diesem eigenwilligen Werk eine kaum wahrgenommene Randfigur. Unzufrieden verließ er das Land 1980. Trotz aller Brüche bleiben seine Arbeiten großstädtisch und weltoffen, ohne ins Beliebige abzugleiten. Brigitte Rieger-Jähner zählt ihn mit einem Gedanken Max Frischs zu jenen Künstlern, die nicht arbeiten, um die Welt zu ändern, sondern um sie auszuhalten, und liest seine Bilder als verdichtete deutsche Geschichte der vergangenen sechs Jahrzehnte, geprägt von Umbrüchen und erzwungenen Ortswechseln. Welche Fragen ein Künstler stellt und welche Form er dafür findet, hängt nach ihrer Auffassung stark von Zeit und Umfeld ab, und Schlesingers Werk führt das besonders deutlich vor.
Papier, Schrift und Zeichen
Die Münchner Installation bündelt Erfahrungen aus diesen sehr verschiedenen Lebensstationen. Rieger-Jähner betont auch das Material: Die Struktur des Packpapiers, der jeweilige Zustand der Blätter und das malerische Konzept wirken zusammen und machen die Zeichnungen zugleich lebendig und verletzlich.
Die Kenntnis vieler Kulturen erlaubte es Schlesinger, Gemeinsamkeiten im scheinbar Unvereinbaren zu suchen, und so wirken die Blätter wie Mythen in Bildform. Aus dem freien Spiel der Formen tauchen bei genauerem Hinsehen erkennbare Dinge auf: geometrische Grundformen, hebräische und lateinische Wörter und Buchstaben, Ziffern und Zeichen, die an historische Symbole denken lassen. Eindeutig lesen lässt sich keines davon, doch ihre Herkunft bleibt spürbar, und manches erinnert an sehr alte Bilder, in denen verschüttete Schichten der Wirklichkeit aufscheinen.