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    Frank Seidel: die Zeichnung „Sitzende“ in Tusche und Beize, 1988

    Frank Seidel, Jahrgang 1959, zeichnete die „Sitzende“ im Oktober 1988 mit Tusche und Beize auf ein Blatt von 50 × 67 cm; rechts unten steht „Frank Seidel 10.88“. Das Museum kaufte die Zeichnung 1989. Ein Jahr später erwarb es als erste öffentliche Sammlung ein Hauptwerk des Bildhauers: „Kreuzigung – Frankfurter Gruppe“, eine Installation aus sechs Teilen. 2005/06 war die „Sitzende“ in der Ausstellung „Arbeiten auf Papier“ (Jahresprogramm 2005) zu sehen.

    • 23. Oktober 2005

    Ein Autodidakt unter Bildhauern

    Seidel kam ohne akademische Ausbildung zur Plastik. Bekannt wurde er durch eine vielbeachtete Schau im „Weißen Elephanten“, einer Berliner Galerie; damit trat er unter die Bildhauer und löste bei Kennern wie Kollegen Streit und Verwirrung aus. Seine Figuren aus Gips, Eisenspänen und Armierungseisen erinnerten an das Umfeld Alberto Giacomettis: schmale Standflächen, nach oben breiter werdende Körper, große Köpfe, die Armin Hauer an Embryonen denken lassen. Sie standen allein, in losen Gruppen oder eingebunden in religiöse Szenen und wirkten flüchtig und uralt zugleich.

    Das Unsichtbare mit schwerem Material greifbar zu machen, trieb Seidel zu einem regelrechten Arbeitsrausch. Später wechselte er von der Plastik auf die Leinwand. Auch dort erscheinen vereinzelte, halb menschliche, halb amorphe Wesen vor dunklen Gründen, oft ausgehend von biblischen Stoffen: stürzend, hängend, sich windend. Hauer liest sie als Seelenformen, die sich gegen eine weitere Entkörperlichung wehren oder sich gerade danach sehnen, und zählt Seidel zu den wenigen Künstlern, die das zwiespältige, einsame Menschsein beständig zu fassen suchen.

    Zeichnen mit Beize

    Seit Mitte der Achtzigerjahre begleiten Zeichnungen in wechselnden Mischtechniken die Plastiken. Mit holzfarbener Beize und schwarzer Tusche brachte Seidel auf zahllosen Blättern kreatürliche Formen hervor. Der dunkle Beizton, hastig gesetzte Flecken und schwarze Strichlagen lassen Menschen, Tiere oder Pflanzliches erahnen, alles flach zwischen Oberfläche und Grund gepresst. Eindeutig wird nichts. Das Papier wirkt für Hauer wie eine Membran zwischen Sichtbarem und Erahntem, die rasch ablaufende Schöpfungsmomente festhält wie Fotopapier; ein endgültiges Bild kann es so nicht geben. Hauer vergleicht das Sehen dieser Blätter mit einem Rorschach-Test und mit dem Blick auf Höhlenmalereien oder Kultzeichen alter und außereuropäischer Kulturen; er erinnert an Benns Urschlamm und an Platons Höhlengleichnis, in dem Schatten für die Dinge selbst gehalten werden. Ein unauflösbarer Rest bleibt, und gerade dieses Irrationale inmitten postmoderner Dekonstruktion macht für den Autor die Kraft der Blätter aus.

    Die „Sitzende“ krümmt sich wie ein Fötus zusammen. Formlose Spuren der Beize stören die Geborgenheit, während der Kopf bereits ins kalte, schutzlose Licht ragt. In Hauers Lesart hat damit ein Vorgang begonnen, der sich nicht mehr umkehren lässt.