- 23. Oktober 2005
Arbeit in fremden Kulturen
Abseits des Tourismus sucht Franek Distanz zu Europa in außereuropäischen Kulturen. Dort beobachtet sie das andere Zeitmaß des Alltags, die stumme Sprache von Natur und Tieren und die Gesten, Riten und Rhythmen der Menschen. Diese Eindrücke speichert sie und ruft sie beim Malen, Zeichnen und Modellieren wieder ab, sodass geschlossene Werkgruppen entstehen.
Aufenthalte in Mexiko, Guatemala und Honduras mündeten in das Mayaprojekt. In einem Reservat in Dakota (USA) verband sie Feldforschung mit der Darstellung von Ritualen der Sioux. Nach einer Reise in die Sahara folgte „Kreuz des Südens – ein Tagebuch in Bildern“.
Die Geschichte vom Wind
Auch Literatur liefert ihr Bildanlässe. 1997/98 zeichnete sie mehr als 126 Kohleblätter zu „Geschichte des Jungen, der den Wind fing“ von Claude Lévi-Strauss. Den französischen Ethnologen kennt man als Begründer der strukturalen Anthropologie, der dem Verständnis fremder Kulturen neue Wege öffnete. Franeks Blätter nehmen den Zauber der überlieferten Erzählung auf und verbinden seine Sprachbilder mit ihrer eigenen Bildsprache.
Wie in ihren großen Gemälden verweben die Zeichnungen Wirkliches und Unwirkliches. Menschen, Tiere, Pflanzen, Mineralien, Elemente und Kosmos erscheinen ohne festen Ort und ohne bestimmte Zeit. Begriffe wie Oben und Unten oder Vordergrund und Hintergrund verlieren ihre ordnende Rolle, und die Figuren wirken schwerelos. Vertraute Motive führen bei ihr zu überraschenden Bildern; mit einem überlieferten Formenrepertoire formuliert sie ein heutiges Lebensgefühl.
Die Linie
In Franeks Malerei dominiert die Farbe, in der Zeichnung trägt die Linie die Aussage. Sie umreißt die Dinge, setzt aber immer wieder aus, wird kräftiger oder schwächer, und Details fallen weg. So wirkt die Fläche zugleich räumlich. Rieger-Jähner sieht die Künstlerin deshalb als Traditionalistin und Avantgardistin in einer Person und stellt ihre Blätter neben Gedanken Ingeborg Bachmanns über das Überschreiten von Grenzen.