- 23. Oktober 2005
Altmeisterliche Vorbilder
Nach dem Studium in Berlin-Weißensee, das er 1976 abschloss, experimentierte Gröszer zunächst mit Materialcollagen und Super-8-Filmen, darunter 1978 „Judith und Holofernes“. Über diesen Umweg fand er zu einer Malweise, die als altmeisterlich gilt und deren Wurzeln bis in die deutsche Renaissance reichen, etwa zu Lucas Cranach dem Älteren (1472–1553) und Hans Baldung Grien (geboren 1484/85, gestorben 1545). Ebenso wichtig sind für ihn die veristischen Jahre bei Otto Dix (1891–1967) sowie die Sachlichkeit Christian Schads (1894–1982) und Rudolf Schlichters (1890–1955).
Ungewöhnlich war dieser Rückgriff, weil Anfang der Achtziger im Westen wie in der DDR ein neoexpressiver, gefühlsbetonter Gestus vorherrschte. Figürlich und erzählerisch blieben vor allem die Vertreter der Leipziger Schule; im Vergleich zu Doris Ziegler (1949) oder Volker Stelzmann (1940) geht Gröszer nach Hauer noch radikaler und fast sezierend vor. Sein Werk besteht vor allem aus hyperrealistischen Frauenakten, Porträts von Freunden und Landschaften, gelegentlich ergänzt durch Plastiken mit mythologischem Bezug.
Neon Real
1981 gründete er mit Harald Schulze (1952) und Rolf Biebl (1951) die Gruppe Neon Real, die mit auffälligen Ausstellungen hervortrat, während jedes Mitglied seinen eigenen Weg ging. Gröszer arbeitet mit schmalen, hohen Formaten und einer gekünstelten, kulturgeschichtlich aufgeladenen Körpersprache. Hauer vergleicht die im Kunstlicht erstarrten Figuren mit dem schlafenden Hofstaat aus Dornröschen. Die Wende 1989/90 bedeutete für den Maler nach eigener Aussage keinen Bruch; sie lieferte ihm neuen Stoff, denn Glanz, Glimmer und Trivialität seien seither allgegenwärtig. Hauer liest seine Frauenbildnisse als moderne Sphinxen und als Memento mori auf den heutigen Körperkult.
Die Zeichnung
Die junge Frau der Zeichnung kehrt in mehreren Tafelbildern als „Marin á cholie“ wieder. Auf den ersten Blick entspricht sie Rollenbildern wie der Selbstbewussten, der Sinnlichen oder der Unnahbaren. Bei längerem Hinsehen fallen die blasse Haut, die Hände und die stark geschminkten Augen auf, die am Betrachter vorbeischauen. Arme und Beine wirken eigenwillig verformt, das Gesicht maskenhaft. Gerade diese Abweichungen vom gängigen Schönheitsideal deutet Hauer als das, was die Dargestellte als Individuum kennzeichnet.