- 23. Oktober 2005
Grafik als Gegenstück zu den Großformaten
Bekannt wurde Heisig vor allem durch große Simultanbilder, in denen er über Jahrzehnte Macht, Gewalt und Ausgeliefertsein an historischen Ereignissen durchspielte. Daneben entstanden Selbstbildnisse, Bilder der Mutter, Porträts von Freunden und Politikern, Landschaften und Interieurs. Die Druckgrafik gerät dabei oft aus dem Blick, obwohl sie seinen Werdegang prägte: Er wurde an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst ausgebildet, lehrte dort und übernahm später die Leitung der Grafikabteilung.
Drei grafische Zyklen stehen dafür: 1956 entstand „Der Krieg“, 1958/59 folgte „Die Pariser Kommune“, 1965/66 schließlich „Der faschistische Alptraum“. Der Katalogtext sieht sie als Vorstufen und Begleiter der Gemälde. Typisch für Heisig ist, dass er Themen immer neu befragte, viele Fassungen anlegte und Werke wiederholt überarbeitete.
Eigene Kriegserfahrung
Mit 17 Jahren kam Heisig zur SS-Panzer-Division „Hitler-Jugend“, der zwölften. Nach einer Verwundung kämpfte er erneut, nun in der Festung Breslau, wurde abermals verletzt und geriet in sowjetische Gefangenschaft. Fragen nach Schuld, nach Tätern und Opfern und nach der eigenen Beteiligung ließen ihn danach nicht los. Er selbst erklärte, er habe mit der Folge eine Bewusstseinslage seiner Generation klären wollen und fühle sich nicht berechtigt, anzuklagen.
Die Folge umfasst 35 Lithografien, und keine davon zeigt Kampfhandlungen. Sie sind Nachdenken aus zeitlichem Abstand, in dem Einzelne als Peiniger oder Gepeinigte ebenso auftreten wie eine namenlose Menge, beide aufeinander angewiesen. Auch das erste Blatt, das der Folge ihren Titel gab, verschränkt Täter und Opfer auf diese Weise. Heisig sagte selbst, sein Leben und Arbeiten werde stärker von dem bestimmt, was ihn beunruhige, als von dem, was ihn glücklich mache. Mit diesem Zyklus erreichte seine Beschäftigung mit Krieg und Gewalt einen Höhepunkt.
Das Blatt „Der Alptraum“
Heisig arbeitete mit weicher Lithokreide: Er zeichnete genau, überlagerte und verwischte die Einzelheiten und fasste sie zu malerischen Partien zusammen. Mensch und Gegenstand wirken dadurch wie ohne schützende Haut. Ein krakenartiges Wesen, das zugleich an einen zerstörten Panzer denken lässt, rollt über eine Gruppe wehrloser Körper hinweg und schiebt sie auf einen schreienden, verstümmelten Mann im Vordergrund zu. Die dichte Figurenmenge und die ineinander verschobenen Räume rücken den Albtraum nah an den Betrachter heran.