- 24. Oktober 2010
Dinge aus dem Alltag, monumental gemalt
Doll malt, was Konsum und Technik hervorbringen und was seit der Pop-Art in der Malerei heimisch ist. Ihre Vorlagen sind oft eigene Fotos, Zeitungsbilder oder Funde aus dem Internet. So entstanden lange Reihen mit Sportwagen, Geldtransportern, Krankenwagen und Kehrmaschinen, mit Verkehrsschildern, Kaffeebechern und Spielfiguren des Herstellers Schleich, von Tieren und Elfen bis zu Schlümpfen, Rittern und Drachen. Die Motive stehen frei auf weißem Grund, plastisch modelliert durch harte Licht- und Schattenkanten, ohne Erzählung und ohne Hinweis auf die Gefühlslage der Malerin.
Manche Gegenstände bildet sie in Originalgröße ab. Der Begleittext vergleicht die Wirkung mit den Augentäuschungen niederländischer Stillleben des 17. Jahrhunderts, bei denen man nach dem Gemalten greifen möchte. Andere Motive wie Verbotspiktogramme oder eine Computertastatur vergrößert sie so stark, dass sie für einen Moment unkenntlich werden. Bei Flugzeugen, Schiffen und Schnellzügen funktioniert keines der beiden Prinzipien; hier fügt sie mehrere Leinwände zu Riesenformaten zusammen und zeigt doch nur Ausschnitte oder verkleinerte Ansichten.
Zelte in der Halle, Figuren im Festsaal
Für Frankfurt suchte Doll im Netz nach Mannschaftszelten und übertrug sie mit handelsüblichen Industrielacken auf große Leinwände. Diese wurden direkt auf die Stellwände der Renaissancehalle gespannt, sodass die Ausstellungsarchitektur selbst zum Bildträger wurde. Zu den Werken gehörten „TENT SunGun“ (2010, 280 × 420 cm) und als größtes Format das ebenfalls 2010 entstandene „TENT_L’atelier du peintre“ mit 330 × 620 cm. Dessen Titel verweist auf Gustave Courbets programmatisches Bild „Das Atelier des Malers“; eine Auflösung der Beziehung bot die Ausstellung nicht.
Im hochgotischen Festsaal hing eine zweite Serie: kraftvolle Abwandlungen des bekannten Piktogramms einer menschlichen Figur. Dazu gehörte „PICT ISOTYPE ALTHAUS“ von 2009 im Format 300 × 200 cm, wie die Zeltbilder mit Lack auf Leinwand ausgeführt. Auch hier spielt die Malerei mit dem Wechsel zwischen sofort Erkennbarem und plötzlicher Verunsicherung.
Hauer beschreibt den Rundgang als Wechsel von monochromen Flächen, fein abgestuften Farbtönen und scharfen Hell-Dunkel-Zonen. Er liest die Bilder als handgemalte Übersetzungen digitaler Vorlagen, bei denen die Malerei weniger den Gegenstand vertritt als sich selbst ausstellt. Wer die Zelte dagegen als Porträts betrachtet, sieht Unterkünfte, deren Bewohner fehlen. Irgendwann, so Hauer, lösen sich die malerischen Mittel vom Motiv und gelangen an die Grenze des Maßvollen.
Der Titel und Susan Sontag
„CAMP“ meint zunächst das provisorische Lager, in dem die Bilder für einige Monate untergebracht waren. Im Flyer zur Ausstellung beschrieb Doll ihre Malereien knapp als Nebenprodukte der Industrie, deren Gegenstand unbenannt bleibe und die dem Raum etwas nähmen, statt ihm etwas zu geben. Der Begleittext schlägt zusätzlich eine Brücke zu Susan Sontags Aufsatz „Anmerkungen zu ›Camp‹“ von 1964. Darin umkreist Sontag in 54 Bemerkungen ein schwer fassbares Verhältnis zum Stil und bezieht auch die Pop-Art ein. Ob Dolls Bilder zwischen ernster und unterhaltender Kunst stehen und ob hier der Stil über den Inhalt siegt, lässt Hauer ausdrücklich offen und nennt die Verbindung zu Sontag nur einen möglichen Deutungsansatz.