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RATHAUSHALLE / FESTSAAL
Marktplatz 1
24.10.2010 - 06.02.2011

TATJANA DOLL (1970), BERLIN
CAMP - MALEREI

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Tatjana Doll - TENT l’atelier du peintre, 2010

TENT_L’atelier du peintre, 2010; 330 cm x 620 cm; in Lack auf Leinwand

Ihre Bilder erzählen uns keine Geschichten und wir erfahren auch nichts über die seelische Befindlichkeit der Malerin. Sachlich und  handwerklich perfekt setzt sie Licht und Schatten,  arbeitet plastisch das Motiv auf dem weißen Grund heraus.  Nichts lenkt vom Dargestellten ab. Es steht  monolithisch auf der  Leinwand und zeigt uns Dinge des Konsums und der Technik, die seit der Pop Art Eingang in die Malerei fanden. Als Vorlagen dienen nicht selten selbst geschossene Fotos oder Bilder aus Zeitungen und dem Internet. Es gibt  umfangreiche Bildserien von schicken Autos und von Geldtransportern, Krankenautos, Straßenreinigungsfahrzeugen, Straßenschildern, Kaffeebechern  oder von der Produktpalette des Spielzeugherstellers Schleich - Tiere, Elfen, Schlümpfe, Ritter, Prinzessinnen, Drachen usw.  Es ließen sich noch andere Motive nennen, die uns ebenso nichts anderes zeigen als das, was wir  aus dem profanen Alltag kennen oder das, was uns fast täglich in Form von bereits gestalteten Bildinformationen (Hinweisschilder, Leitsysteme) begegnet.  Manchmal gibt sie dem unbewusst wirkenden, besitzergreifenden Verlangen nach, die realen Dinge in ihrer Originalgröße abzubilden.

Tatjana Doll - TENT Sun Gun, 2010

TENT SunGun, 2010; 280 cm x 420 cm; in Lack auf Leinwand; Foto: Bernd Borchardt

Dieser Effekt der Augen- und Sinnestäuschung ähnelt dann dem, den wir von den Stillleben der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts kennen: Man möchte nach den Gegenständen greifen und staunt, mit welcher Meisterschaft die Maler die Realität anhalten und sie zu verdoppeln mögen.  Aber ebenso finden wir surreal überdimensionierte Darstellungen von Piktogrammen des Ver- und des Gebots  oder von einem  PC-Keyboard, die uns sekundenlang rätseln lassen, was denn das wohl sei.  Diese Prinzipien des  „Eins zu Eins“ und der „Vergrößerungen“ sind natürlich nicht anzuwenden, wenn es sich um Flugzeuge, Schiffe oder um  Schnellzüge handelt. Hier deutet die  Malerin den Realitätsbezug an, indem sie mehrere Leinwände zu riesigen Formaten zusammensetzt, um uns dann doch „nur“  Ausschnitte oder Verkleinerungen vorzuführen - und so die  wahren Dimensionen in Erinnerung ruft.
In der Spätrenaissancehalle des Museums Junge Kunst  zeigt sie  großformatige Bilder von unterschiedlichen  Mannschaftszelten. Die wurden im Internet „entdeckt“ und entstammen unter anderem dem militärischen Bereich, dem Roten Kreuz und dem THW.  Sie wurden eigens  für die Exposition gemalt. Denn wie so oft, wenn sie ein neues Ausstellungsangebot erhält, stellt sie sich mit einer  vollkommen neuen Bildserie dem Publikum vor. Diese Bilder entstanden mit handelsüblichen  Industrielackfarben auf riesigen Leinwänden, die dann auf die Stellwände der Ausstellungshalle gespannt wurden. So werden die technischen Einbauten zu Bildobjekten. Sie   geben der altehrwürdigen Rathaushalle einen eigenwilligen Charakter von einem konzeptionell gestalteten Kunst-Raum.

Der Betrachter schreitet die Bilder ab, sieht eine Malerei, die ihn in ihrer radikalen Vortragsweise in den Bann schlägt. Monochrome Flächen wechseln sich mit differenziert gestalteten Partien ab. Farbmodulationen innerhalb eines angeschlagenen Tones stehen im Kontrast zu harten Licht- und Schattenflächen. Je nach ästhetischer und kultureller Position des Betrachters, nimmt er gegenstandlose, mit coolem Pathos und hehrem Kalkül gearbeitete Bildelemente  wahr, die ganz im Verständnis postmoderner Dekonstruktion und surrealem Realismus nichts Anderes als handgemalte Bilder  nach virtuellen Bildern von digitalen Bildern und ihrem PC-Ausdruck  sind. Die Malerei repräsentiert nicht die Gegenstände, sondern sie  ist selbst präsent: sie stellt sich selbst dar und verweist auf den Verweis eines ästhetischen  Mediums.
Oder man sieht auf den riesigen Formaten die Porträts von  Zelten, die Behausungen für die nichtanwesenden Nutzer sein können. Doch man spürt irgendwann, dass sich hier die malerischen Mittel im Zusammenhang mit dem Motiv verselbständigen und eine  Grenze des Maßvollen  erreichen. Es steht die Frage, ob es sich hier um eine künstlerische Haltung handeln könnte, ob der Stil über den Inhalt triumphiert, ob die Darstellungsweise oder gar das  bildwürdige Motiv jetzt  eine freiwillig unfreiwillige Stellung zwischen E- und U-Kunst einnehmen - ob die Welt ästhetisch

Tatjana Doll - "Althaus", 2009

PICT ISOTYPE ALTHAUS, 2009; 300 x 200 cm;
in Lack/Leinwand;
Foto: Bernd Borchardt

wahrgenommen wird,  wie  Susan Sontag im Jahr 1964  in ihrem berühmten Aufsatz „Anmerkungen zu >Camp<„ für den Zeitgeist der Sechziger Jahre diagnostizierte  und die Pop Art unter anderem in ihre Überlegungen mit einbezog.  In diesem Kontext ergibt  sich die ambivalente Verbindung zum Titel  der Ausstellung, der nicht nur auf ein virtuelles und  zeitlich begrenztes Lager verweist, vielmehr auch auf den kultur- und kunsthistorisch hoch brisanten Diskurs Bezug nimmt und ihn somit in die Jetztzeit  visuell  transformiert; zumindest wäre das ein weiterer, möglicher  Interpretationsansatz.
In den sehr differenzierten und nicht selten sich widersprechenden Anmerkungen von Susan Sontag, was nun CAMP oder was nun „campy“ sei,   umkreist sie mit 54 Bemerkungen dieses, letztlich schwer zu benennende Phänomen in der Zeit des kulturellen Wandels. Unter Punkt 53 lesen wir zum Beispiel:  „Camp ist (um es zu wiederholen) die Beziehung zum Stil  einer Zeit, in der die Übernahme eines Stils – als solche – absolut fragwürdig geworden ist. ( In der modernen Ära ist jeder Stil, solange er nicht offen anachronistisch war, als ein Antistil in Erscheinung getreten.“ ( S.Sontag, Anmerkungen zu >Camp<, in: Kunst und Antikunst,  Frankfurt am Main, 2009, S. 339)
Die Malerin selbst schreibt  im Flyer der Ausstellung kurz und knapp: “  - ein mehrmonatiges Lager, in dem mehrere Bilder provisorisch untergebracht sind. – was auf den Malereien zu sehen ist, ist nicht benannt. – der Gegenstand, an den uns die Fläche erinnert, scheint benennbar. – die Malereien sind Nebenprodukte der Industrie durch ihre Farbe/Lackfarbe. – sie nehmen Raum weg, anstatt ihn zu geben.“
Auch die Titel der Bilder legen eine falsche Fährte, bzw. bestreiten den Pfad einer Metaebene, der unserem Blick nicht weiter hilft, vielmehr eine geistige Verunsicherung anstrebt und das Sichtbare mit den Gesehenen in mindestens zwei Ebenen verortet wissen will.  Zum Beispiel erhielt die  riesige Leinwand mit den Maßen von 330 x 620 cm  den schönen Titel „Tent_L’atelier du peintre“, was so viel heißt wie „Das Atelier des Malers“ und sich auf ein kunsthistorisch bedeutendes und für den Begründer des Realismus, Gustave Courbet,  programmatisch zu verstehendes Bild bezieht. Was das Eine mit dem Anderen zu tun hat, kann man ergründen oder als rätselhafte Dimension einer Malerei akzeptieren, die den Raum in ein temporäres Kunst-CAMP verwandelt.  Im hochgotischen Festsaal zeigt Tatjana Doll eine Bildserie mit den kraftvollen Variationen des allseits bekannten Piktogramms auf die Gestalt eines Menschen. Auch dort nimmt der  Besucher am  Abenteuer einer Malerei teil, die auf den ersten Blick etwas eindeutig meint, um es vielleicht  beim zweiten sofort zu verneinen.

Text / Kurator: Armin Hauer


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Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag  von 11.00 bis 17.00 Uhr

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