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TENT_L’atelier du peintre,
2010; 330 cm x 620 cm; in
Lack auf Leinwand |
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Ihre Bilder erzählen uns keine Geschichten und wir erfahren auch nichts
über die seelische Befindlichkeit der Malerin. Sachlich und handwerklich
perfekt setzt sie Licht und Schatten, arbeitet plastisch das Motiv auf
dem weißen Grund heraus. Nichts lenkt vom Dargestellten ab. Es steht
monolithisch auf der Leinwand und zeigt uns Dinge des Konsums und der
Technik, die seit der Pop Art Eingang in die Malerei fanden. Als Vorlagen
dienen nicht selten selbst geschossene Fotos oder Bilder aus Zeitungen und
dem Internet. Es gibt umfangreiche Bildserien von schicken Autos und von
Geldtransportern, Krankenautos, Straßenreinigungsfahrzeugen,
Straßenschildern, Kaffeebechern oder von der Produktpalette des
Spielzeugherstellers Schleich - Tiere, Elfen, Schlümpfe, Ritter,
Prinzessinnen, Drachen usw. Es ließen sich noch andere Motive nennen, die
uns ebenso nichts anderes zeigen als das, was wir aus dem profanen Alltag
kennen oder das, was uns fast täglich in Form von bereits gestalteten
Bildinformationen (Hinweisschilder, Leitsysteme) begegnet. Manchmal gibt
sie dem unbewusst wirkenden, besitzergreifenden Verlangen nach, die realen
Dinge in ihrer Originalgröße abzubilden. |
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TENT SunGun,
2010; 280 cm x 420 cm;
in Lack auf Leinwand;
Foto: Bernd Borchardt |
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Dieser Effekt
der Augen- und Sinnestäuschung ähnelt dann dem, den wir von den
Stillleben der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts kennen:
Man möchte nach den Gegenständen greifen und staunt, mit welcher
Meisterschaft die Maler die Realität anhalten und sie zu verdoppeln
mögen. Aber ebenso finden wir surreal überdimensionierte
Darstellungen von Piktogrammen des Ver- und des Gebots oder von
einem PC-Keyboard, die uns sekundenlang rätseln lassen, was denn
das wohl sei. Diese Prinzipien des „Eins zu Eins“ und der
„Vergrößerungen“ sind natürlich nicht anzuwenden, wenn es sich um
Flugzeuge, Schiffe oder um Schnellzüge handelt. Hier deutet die
Malerin den Realitätsbezug an, indem sie mehrere Leinwände zu
riesigen Formaten zusammensetzt, um uns dann doch „nur“ Ausschnitte
oder Verkleinerungen vorzuführen - und so die wahren Dimensionen in
Erinnerung ruft.
In der Spätrenaissancehalle des Museums Junge Kunst zeigt sie
großformatige Bilder von unterschiedlichen Mannschaftszelten. Die
wurden im Internet „entdeckt“ und entstammen unter anderem dem
militärischen Bereich, dem Roten Kreuz und dem THW. Sie wurden
eigens für die Exposition gemalt. Denn wie so oft, wenn sie ein
neues Ausstellungsangebot erhält, stellt sie sich mit einer
vollkommen neuen Bildserie dem Publikum vor. Diese Bilder entstanden
mit handelsüblichen Industrielackfarben auf riesigen Leinwänden,
die dann auf die Stellwände der Ausstellungshalle gespannt wurden.
So werden die technischen Einbauten zu Bildobjekten. Sie geben der
altehrwürdigen Rathaushalle einen eigenwilligen Charakter von einem
konzeptionell gestalteten Kunst-Raum. |
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Der Betrachter
schreitet die Bilder ab, sieht eine Malerei, die ihn in ihrer
radikalen Vortragsweise in den Bann schlägt. Monochrome Flächen
wechseln sich mit differenziert gestalteten Partien ab.
Farbmodulationen innerhalb eines angeschlagenen Tones stehen im
Kontrast zu harten Licht- und Schattenflächen. Je nach ästhetischer
und kultureller Position des Betrachters, nimmt er gegenstandlose,
mit coolem Pathos und hehrem Kalkül gearbeitete Bildelemente wahr,
die ganz im Verständnis postmoderner Dekonstruktion und surrealem
Realismus nichts Anderes als handgemalte Bilder nach virtuellen
Bildern von digitalen Bildern und ihrem PC-Ausdruck sind. Die
Malerei repräsentiert nicht die Gegenstände, sondern sie ist selbst
präsent: sie stellt sich selbst dar und verweist auf den Verweis
eines ästhetischen Mediums.
Oder man sieht auf den riesigen Formaten die Porträts von
Zelten, die Behausungen für die nichtanwesenden Nutzer sein können.
Doch man spürt irgendwann, dass sich hier die malerischen Mittel im
Zusammenhang mit dem Motiv verselbständigen und eine Grenze
des Maßvollen erreichen. Es steht die Frage, ob es sich hier
um eine künstlerische Haltung handeln könnte, ob der Stil über den
Inhalt triumphiert, ob die Darstellungsweise oder gar das
bildwürdige Motiv jetzt eine freiwillig unfreiwillige Stellung
zwischen E- und U-Kunst einnehmen - ob die Welt ästhetisch |
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PICT
ISOTYPE ALTHAUS,
2009; 300 x 200 cm;
in
Lack/Leinwand;
Foto: Bernd Borchardt |
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wahrgenommen
wird, wie Susan Sontag im Jahr
1964 in ihrem berühmten Aufsatz „Anmerkungen zu >Camp<„ für den Zeitgeist
der Sechziger Jahre diagnostizierte und die Pop Art unter anderem in ihre
Überlegungen mit einbezog. In diesem Kontext ergibt sich die ambivalente
Verbindung zum Titel der Ausstellung, der nicht nur auf ein virtuelles
und zeitlich begrenztes Lager verweist, vielmehr auch auf den kultur- und
kunsthistorisch hoch brisanten Diskurs Bezug nimmt und ihn somit in die
Jetztzeit visuell transformiert; zumindest wäre das ein weiterer,
möglicher Interpretationsansatz.
In den sehr differenzierten und nicht selten sich widersprechenden
Anmerkungen von Susan Sontag, was nun CAMP oder was nun „campy“ sei,
umkreist sie mit 54 Bemerkungen dieses, letztlich schwer zu benennende
Phänomen in der Zeit des kulturellen Wandels. Unter Punkt 53 lesen wir zum
Beispiel: „Camp ist (um es zu wiederholen) die Beziehung zum Stil einer
Zeit, in der die Übernahme eines Stils – als solche – absolut fragwürdig
geworden ist. ( In der modernen Ära ist jeder Stil, solange er nicht offen
anachronistisch war, als ein Antistil in Erscheinung getreten.“ ( S.Sontag,
Anmerkungen zu >Camp<, in: Kunst und Antikunst, Frankfurt am Main, 2009,
S. 339)
Die Malerin selbst schreibt im Flyer der Ausstellung kurz und knapp: “ -
ein mehrmonatiges Lager, in dem mehrere Bilder provisorisch untergebracht
sind. – was auf den Malereien zu sehen ist, ist nicht benannt. – der
Gegenstand, an den uns die Fläche erinnert, scheint benennbar. – die
Malereien sind Nebenprodukte der Industrie durch ihre Farbe/Lackfarbe. –
sie nehmen Raum weg, anstatt ihn zu geben.“
Auch die Titel der Bilder legen eine falsche Fährte, bzw. bestreiten den
Pfad einer Metaebene, der unserem Blick nicht weiter hilft, vielmehr eine
geistige Verunsicherung anstrebt und das Sichtbare mit den Gesehenen in
mindestens zwei Ebenen verortet wissen will. Zum Beispiel erhielt die
riesige Leinwand mit den Maßen von 330 x 620 cm den schönen Titel „Tent_L’atelier du peintre“, was so viel heißt wie „Das Atelier des Malers“ und
sich auf ein kunsthistorisch bedeutendes und für den Begründer des
Realismus, Gustave Courbet, programmatisch zu verstehendes Bild bezieht.
Was das Eine mit dem Anderen zu tun hat, kann man ergründen oder als
rätselhafte Dimension einer Malerei akzeptieren, die den Raum in ein
temporäres Kunst-CAMP verwandelt. Im hochgotischen Festsaal zeigt Tatjana
Doll eine Bildserie mit den kraftvollen Variationen des allseits bekannten
Piktogramms auf die Gestalt eines Menschen. Auch dort nimmt der Besucher
am Abenteuer einer Malerei teil, die auf den ersten Blick etwas eindeutig
meint, um es vielleicht beim zweiten sofort zu verneinen. |
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Text / Kurator: Armin
Hauer |
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