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100 Golden Girls (97 Teile)
»Es ist, glaube ich, bei mir so, dass
ich querdurch, mit den unterschiedlichsten Mitteln, Ausdrucksformen und
Sujets arbeite, aber einige Themen sich dafür immer wiederholen«.215
Blickt man auf das umfangreiche und vielgestaltige Werk von Karla Woisnitza, auf ihre Materialbilder und Objekte oder auf die Malereien und
Zeichnungen sowie auf die Vielfalt der Motivkreise, bestätigt sich das
Bekenntnis der Künstlerin. Darüber hinaus entstehen zahlreiche Motivkreise
Doch unabhängig davon, ob es Sprache oder Literatur sind oder die
Mythologie und Musik bzw. ein persönliches Erlebnis die Anregung zum
Schaffen bot, immer ist es die Frau, die von der Künstlerin in ihrer
Facettenhaltigkeit fokussiert wird. Als ich Karla Woisnitza die Frage
stellte, ob es auf die Formensprache bzw. den Inhalt ihrer Kunst Einfluss
habe, dass sie weiblichen Geschlechts sei, antwortete die Künstlerin, dass
sie neben der Berufsausübung immer reproduktive Tätigkeiten zu verrichten
habe, wie z.B. ein Minimum an Hausarbeit. Darauf bezugnehmend führt sie
weiter aus:« Diese zwei lebensnotwendigen Spuren hinterließen bei mir
einen Erfahrungsschatz, der bei professioneller künstlerischer Tätigkeit
ungewohnte Techniken und Materialien provozierte, Arbeitszeit und
-rhythmus beeinflusste«.216 Hier, bekennt sie, »tritt eine paradoxe
Erscheinung zutage. Gerade da Kunst und Leben etwas voneinander
Verschiedenes sind, können sie sich gegenseitig erneuern und schöpferisch
steigern«.217 Diese Behauptung wird an unserer Installation der Golden
Girls besonders eindrucksvoll nachvollziehbar. Könnte man der Aufschrift
auf der Verpackung trauen, so würde unser Museum statt 97 sogar »100
Golden Girls« besitzen. Ich beziehe mich hierbei auf die Stückzahl der
Grundelemente von weißen Butterbrottüten, aus denen sich die Installation
zusammensetzt. Jeder von uns benutzt und kennt dieses unscheinbare und
zugleich so nützliche Verpackungsmaterial, das Karla Woisnitza
zweckentfremdet zu einem einfallsreich humorvollen und zugleich poetisch
zauberhaften Tableau der Weiblichkeit umfunktioniert hat. Das auslösende
Moment für diese Arbeit bildete eine amerikanische Fernsehserie gleichen
Namens. In ihr wird in humorvoll pointierter Weise deutlich gemacht, dass
Lebensausdruck und Anspruch auch von über 50-jährigen Frauen unabhängig
von ihrem Alter sind, ebenso wie ihre Fehler und die sich daraus
ergebenden tragikomischen Missgeschicke. Für die Künstlerin ist diese
Serie doch nur anregender Ausgangspunkt für die Arbeit, indem sie deren
Titel wörtlich nimmt und mit dem goldfarbenen Stift die immer gleichen und
doch so unterschiedlichen Körperdetails der Frauen zeichnet und diese
Vielfalt in spielerischer Maßlosigkeit gleichsam auf die Spitze treibt.
Doch weit davon entfernt in Alters- oder Rollenklischees zu verfallen,
nutzt sie die zahlreichen Formen und Gesten und schafft so ein eigenes,
zeitloses und dennoch immer aktuelles Figurenkompendium. Dieses wird aber
nicht allein durch die Farbigkeit des Goldstiftes zu einem rhythmischen
Gesamtkanon zusammengefügt. Die Vielfalt von so verschiedenenartigen
Haaren und Brüsten, von Bäuchen und Details der Gesichter sowie der Hände
und Füße gehen zugleich eine Symbiose mit den sparsamen Umrisszeichnungen
ein. Der personifizierten Unterschiedlichkeit wird so eine Rasterung
entgegengesetzt, die sich sowohl aus der Gleichförmigkeit der Tütenform
als auch durch die Wiederkehr der collagierten Notizblockseiten ergibt.
Der darauf festgetackerte bräunliche Karton sowie die jeweils aufgedruckte
stilisierte Blumenranke hebt in ihrer soliden Altbackenheit die flippige
Besonderheit der einzelnen Figur noch hervor. Diese wird nun in
unterschiedlichster Form von Karla Woisnitza überzeichnet, so dass
flächige Weißhöhungen zugleich auf die unverwechselbare Vielfalt der
weiblichen Körperlichkeit verweisen. |
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