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Aus der Mappe: Fastnacht und Aschermittwoch (8 Blätter) »Werbung in Zeitungen, Klassen-, Kriegs- und Hochzeitsphotos, Briefe, Lebensmittelkarten u.ä. sind Fundstücke und Reste gelebten Lebens, geben Einblicke in die Zeit unserer Vorfahren, in die Zeit der ›großen‹ Kriege und danach.«189
Der Zweite Weltkrieg näherte sich
seinem Ende auf deutschem Boden, die anrückenden Truppen der Sowjetarmee
und der Westalliierten stießen noch auf vereinzelt erbitterten Widerstand,
doch der Untergang des 3. Reiches war nicht mehr aufzuhalten. In der Nacht
vom 13. Februar zum 14. Februar 1945 (dem Aschermittwoch) flogen
Bombenstaffeln der Royal Air Force mehrere Einsätze auf die bis dahin
wenig zerstörte Stadt Dresden. Über 35000 Menschen wurden getötet, die
Stadt verlor ihr altes, kunstvolles Gesicht.190 In Erinnerung an dieses
Kriegsereignis entstand achtunddreißig Jahre später in Zusammenarbeit mit
dem Dresdner Frank Voigt die Mappe »Zwischen Fastnacht und
Aschermittwoch«. Für den in Freital bei Dresden Arbeitenden Wolfgang
Petrovsky ging es um eine allgegenwärtige Erinnerungsarbeit an die Zeit
des Nationalsozialismus in Form einer differenzierten optischen
Verflechtung von Opfer-Täter-Mitläuferschicksalen unter Einbeziehung von
Zeitdokumenten. Denn die DDR-offizielle Vergangenheitsbewältigung ging
hauptsächlich von einem antifaschistischen Konsens in der Zeit des
Nationalsozialismus aus. Eindeutige Rollenverteilungen waren erwünscht. Da
waren seine vielfältigsten Aktivitäten in zeitweiliger Zusammenarbeit mit
Frank Voigt oder auch mit dem Leipziger Joachim Jansong (1941) auf diesem
Gebiet dunkelster deutscher Geschichte auch zu erleben als eine
eindringliche Korrektur des eindimensionalen Geschichtsbildes.
Das erste Blatt zum Beispiel wird
ausgefüllt mit einer Aufnahme der zerstörten Innenstadt, darauf ein Foto
mit Kindern in lustigen Faschingskostümen; ein zerlaufender schwarzer
Streifen gleitet wie ein Träne über die Szenerie: Fastnacht und
Aschermittwoch. Im Blatt Nr. 3 »Bei hohem Erbwert ist Kinderreichtum
nationale Pflicht« wirbt eine Zeitungsannonce für Kinderwagen, in der
Mitte eine Fotografie von einer verbrannten Familie auf einer Bank, davor
ein vollbepackter Kinderwagen. Und auf dem letzten Bild wiederum die
Ruinenstadt mit einem durchsichtigen roten Kreuz plus Piktogramm mit
Minutenangabe für die Entwarnung (entnommen den DDR-Richtlinien für
Sirenenalarm). Die eigenen grafischen Interventionen sind in dieser Folge
sehr zurückhaltend; beide verlassen sich ganz auf die emotionale und
assoziative Ausstrahlung dieser Übereinanderblendung von Banalem,
Trivialem und Epochalem. »Die Erinnerung an die, die an den
gesellschaftlichen Realitäten zerbrachen bzw. ihr Leben gaben, ist keine
Vergangenheitsbewältigung, sondern Auseinandersetzung mit dem HEUTE und
setzt unverrückbare Maßstäbe: zu ERINNERN ohne falsches Pathos,
sachlich-dokumentarisch und trotzdem emotional berührend./ Im zunehmenden
Maße der Versuch, aufklärerische und didaktische Momente in der Arbeit
zurückzunehmen zugunsten der ASSOZIATION. Dabei ist notwendig, der Gefahr
des Verharrens im Spielerischen zu entgehen – also intensives Zeichnen –
hier keine Reflektion bestimmter historischer Momente, sondern fast
tagebuchartige Psychogramme, reagierend auf Zeichen der Hoffnung, aber
auch reagierend auf die ernsten, ja lebensbedrohenden Momente, die alle
menschliche Existenz gefährden.«191 |
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