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Hunger
28 · 1924 Man nannte den Künstler nicht allein wegen seiner Haare den »roten«29 Völker. Vielmehr war es die politische Gesinnung, die sich letztlich aus utopisch sozialistischen Vorstellungen speiste und eng mit der Arbeit der KPD verbunden war, die ihm diesen Namen eintrug. Obwohl auch Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen entstanden, nutzte der Künstler vor allem die Grafik und in besonderem Maße den Holzschnitt, um die Missstände der Zeit anzugreifen. Vor allem aber war es die Kraft der Masse gegenüber dem Einzelnen, die er für ein breites Publikum sichtbar zu machen suchte. Doch weit über den konkreten Schaffensanlass hinaus entstanden immer wieder Grafiken und Gemälde von hohem ästhetischen Reiz.
Das Rüstzeug für seine künstlerische
Arbeit, das Erlernen des Malerhandwerks im väterlichen Betrieb, der sich
anschließende Besuch der Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Halle, in
der er auch als Architekt ausgebildet wurde, sowie das Studium der
Wandmalerei an der Kunstgewerbeakademie in Dresden waren folgerichtige
Schritte auf dem Entwicklungsweg des Künstlers. Hinzu traten
Zeitereignisse wie die Oktoberrevolution in Russland, das Ende des 1.
Weltkrieges mit seinen Folgen sowie die Novemberrevolution, die dazu
beitrugen, dass sich zahlreiche deutsche Künstler positionierten und in
politisch links ausgerichteten Organisationen zusammenfanden. So spielte
das politische wie soziale und sich daraus speisende künstlerische
Engagement bei vielen, gerade in einer Industriestadt wie Halle, eine
große Rolle.30
Nachhaltige Anregungen für sein Schaffen erhielt der junge Künstler durch
das Tagesgeschehen, aber vor allem durch die Malerei und Grafik des
Expressionismus.31
Doch nicht allein der religiös getränkte Gefühlssozialismus, welcher sich
bei den Expressionisten mit der subjektiven Ausdruckskraft von Form und
Farbe verband, hatte auf Völker eine anregende Vorbildwirkung. Hinzu trat
die linksexpressionistische Dichtung von Schriftstellern wie Leonhard
Frank, Johannes R. Becher und Ernst Toller. Aber auch Zufälle, wie der
Auftrag für einen Wandbildzyklus im Redaktions- und Druckgebäude des
»Klassenkampfs«, den er 1921 erhielt, erschlossen ihm Kontakte und eine
daraus resultierende Mitarbeit in der kommunistischen Presse von Halle. So
begann Völker 1923 für diese und Zeitschriften wie »Das Wort« Grafiken zu
fertigen. Unabhängig von Veröffentlichungen in den genannten Zeitungen
fasste er diese in einer Mappe zu dem Zyklus »1924« zusammen.32 Zu diesem gehört die zweite Fassung
der »Demonstration«, bei der man sich an das stilistische Vorbild der
Holzschnittkunst von Karl Schmidt-Rottluff erinnert fühlt. Der starke
Kontrast zwischen dem dunklen Grund und den weißen Umrisslinien, die nur
ansatzweise Gesichts- und Körperdetails hervorheben, verbunden mit dem
strengen Bildaufbau und der scharf herausgeschnittenen, präzise erfassten
Form, die sich auf stereometrische Grundformen zurückführen lässt, trägt
zu einer dem Vorbild vergleichbaren plakativ kraftvollen Gestaltung bei.
Doch ist es nicht wie bei Schmidt-Rottluff der Einzelne, sondern vielmehr
die Kraft und Geschlossenheit der Masse, die hier die Aussage bestimmt.
Nur bei genauem Hinsehen unterscheiden sich die Gesichter des uniformen
Menschenstroms, die vom Künstler als Kopfsegment oder Brustbild in Holz
geschnitten wurden. Die durch leicht wogende Rundungen zurückgenommene
Diagonale, die die Dichte des Bildgrundes von der strukturierten
Figurenmasse trennt, unterstreicht die Aussage vom nicht enden wollenden,
schwer dahinfließenden Strom von Arbeitern. Sie lässt an den Wahlaufruf
der KPD vom 2.4.1924 denken, in dem es heißt: »…durch den Kampf ungeheurer
Millionenmassen der Ausgebeuteten gegen die organisierte, bewaffnete Macht
der Ausbeuter wird euer Elend gewendet, werdet ihr zu Herren eures
Schicksals.«33 |
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