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Aus der Mappe: Bekenntnis zu Karl Marx II (7 Blätter)
5/20 · 1983 · Offsetlithografie · 64,9 x 52,5 cm
bez.: Verso · erworben 1986
In seinem zweiten Blatt aus der
siebenteiligen Grafikmappe »Bekenntnis zu Karl Marx« wirkt das Ineinander
von schematisierten Menschen noch zaghafter, es verbleiben Leerstellen im
sperrigen Ornament der Massen, die eckig und kantig uns fast gegenüber
stehen. Wir nehmen nur einen Bruchteil (obwohl wir einen leicht erhöhten
Standort haben) der Ansammlung wahr, die sich scheinbar endlos in alle
Richtungen ausdehnt. Denn zunächst suggeriert man eine Bewegung nach vorn.
Doch in Wirklichkeit stehen die stummen Gestalten erstarrt da,
untereinander verhakt und sich aus dem anderen heraus entwickelnd. Sie
sind eine Schicksalsgemeinschaft in einer indifferenten Zone aus Fläche
und Tiefe, aus zeitlicher Konkretheit und ewiger Allgemeingültigkeit. Ein
heller Pfad teilt das Bild und verstärkt die Indifferenz zwischen
Tiefensog und Höhenausdehnung. Das beunruhigt und ist verwirrend; der
Einzelne hat keine Chance, sich da herauszulösen, sein Verflochtensein
bedingt seine Anwesenheit im Netz des Liniengeviert. Er wird zum
Mosaiksteinchen in einer nun leicht bedrohlich erscheinenden Masse.
Entfernt schwingt in diesem Blatt noch der Topos von einstigen religiösen
Prozessionen und den späteren Arbeiterdarstellungen von Streiks sowie
Protesten mit. Auch dort bettet sich das Einzelschicksal in das einer
Glaubens- oder Kampfgemeinschaft ein. Da gewinnt der Einzelne an Stärke
und Kraft, er ist Teil einer sinnvollen Bewegung, die etwas bewirken kann.
Hier in dieser netzförmig geronnenen sperrigen Wartemasse gibt es wenig
Anzeichen für Hoffnung oder gar sie vereinende Hinweise auf eine
gemeinschaftliche Aktion. Ihr Ineinandersein wirkt wie die durch äußere
Umstände erzwungene und nicht wie eine selbst gefällte Entscheidung.
Das existenzielle Hineingeworfensein
führt bei Veit Hofmann zur Struktur des aktionistischen Untätigseins.
Soweit es erkennbar ist, sind nur Männer anwesend und am auffälligsten
wirken ihre götzengleichen Köpfe sowie ihre Arm- und Beinlosigkeit. Ein
Vergleich mit der Zeichensprache des einstigen Dresdners A. R. Penck (Ralf
Winkler [1939]) unterstreicht die Unterschiede in ihrer Sichtweise auf die
Einzelfigur und ihre Beziehung zum Umfeld. Pencks Standards sind
tendenziell voneinander isolierte Piktogramme und Zeichen, Hofmann
hingegen lässt selten Zwischenräume, alles ist mit allem verflochten –
beengend verstrickt.
Diese Mappe zum einhundertsten Todestag des deutschen Philosophen Karl
Heinrich Marx (1818–1883) wurde im Auftrag des Rates des Bezirkes Dresden
herausgegeben.186 Massendarstellungen und
Individuum, eins der großen Themen der Figurativen im 20. Jahrhundert, ist
in vielen seiner Bilder zu entdecken. Da ist es nicht verwunderlich, dass
er sich für diesen kleinen Staatsauftrag stilistisch und inhaltlich nicht
verbiegen musste. Denn sein spätexpressionistischer Stil lebt gerade von
einer Verallgemeinerung und Reduktion des Sichtbaren: Menschen,
Landschaften, Fabulierendes und Ornamentales werden zu kräftig
konturierten Zeichen, die sich immer wieder aufs Neue einer Wandlung
unterziehen können und in anderen Beziehungsgeflechten auftauchen. Akte im
Atelier, Gesichter, Mischwesen aus Vogel und Frau, kryptisch Dekoratives
im Zwischenreich von Traum und Vegetabilem bevölkern seine Leinwände und
Papiere. Dort findet er zu etwas Verallgemeinerndem, zu einer
unmittelbaren, bedrängenden Poesie auf ein Lebensgefühl des Städters;
Allgemeines und Einmaliges gehen ineinander über und in eine kraftvolle,
ausdrucksstarke Sprache ein, die sich in ihrer Unmittelbarkeit auf die
Dresdner Brücke-Mitglieder beruft. Insbesondere die monumental-archaische
Wuchtigkeit der Druckgrafik von Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) sowie
die beunruhigend-vehemente Stilistik von Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938)
haben ihn in der Suche nach einer paritätischen Zweiheit von glimmenden
Farben und ambivalenter Zeichnung bestärkt. Gunter Ziller weist in einem
Katalogbeitrag 1986 auf einen weiteren Aspekt hin, der Hofmanns Ansinnen
von dem der ihm gleichgesinnten Malerfreunde unterscheidet: »In seiner
›Großstadt‹ wird im Unterschied zu Andreas Dress, dessen Stadtszenerie
zahlreiche Einzelwesen bevölkern, der Mensch zum Teil der Architektur. Er
bildet mit den technischen Details und Beton eine sozialpsychologische
Symbiose. In vielfachen Varianten wird dieses Thema in Offsetdruck und
Radierungen durchgespielt, durch zahlreiche Druckvorgänge und
Überlagerungen erreicht er eine vehemente malerisch-zeichnerische
Wirkung.«187 Das Museum besitzt unter anderem das Triptychon »Die
Auferstehung eines Indianers« (1989, Öl) sowie mehrere Gouachen und
weitere Druckgrafiken aus dem Zeitraum der Achtzigerjahre.
Armin Hauer
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