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Sitzende · 1988 Vor fast zwanzig Jahren trat der Autodidakt mit einer furiosen Ausstellung in der Berliner Galerie »Weißer Elephant« in den traditionellen Kreis der Bildhauer ein. Das sorgte für Verwirrung, Irritationen, für Polarisierungen in den Reihen der Kenner und in denen der Kollegen. Irgendwo aus dem Umfeld von Alberto Giacometti (1901–1966) kommend, standen seine verwundbaren Geschöpfe aus Gips, Eisenspänen und Armierungseisen auf einmal da, ein Woher und Wohin schien nicht einsichtig. Ihre Bewegungen hatten etwas Transitorisches und sogleich jenes archaisch Ewige an sich. Schmale Basis, immer breiter werdende Oberkörper und große Köpfe assoziieren Embryonales. Einsam, als lose Gruppen inszeniert oder in die Dramaturgie religiöser Szenarien eingespannt, verbanden sie chthonische Energien mit denen einer fast spirituellen Vergeistigung. (Das Museum kaufte als erste öffentliche Kunstsammlung 1990 ein Hauptwerk von ihm, die sechsteilige Installation »Kreuzigung – Frankfurter Gruppe«, an.223) Das ewige Paradoxon in der Plastik, dem Immateriellen und dem Irrationalen mittels schwerster Materie Sichtbarkeit geben, bedingte einen obsessiv ausufernden Schaffensrausch.224 Gleichzeitig ging er von der Dreidimensionalität der Plastik nun konsequent auf die Fläche der Leinwände über. Auch dort erscheinen zumeist vereinzelte Wesen. Es sind amorphe und anthropomorphe Seelenformen, die sich zuvor unter physischen Qualen häuteten, nun sich wehren gegen eine weitere Entleibung – oder sich danach verzehren. Vor unheilschwangeren Gründen finden die atavistischen Transformationen von Physis zu Psyche kein Ende. Biblisches dient als Ausgangspunkt für furiose, beängstigend dunkle Lichtgestalten oder Amorphes gerät zu geschundenen Körperrudimenten: stürzend, erhängt – taumelnd, sich windend vor dem beklemmend atmenden Orkus. Diese Phase hält bis heute an. Und Frank Seidel ist einer der wenigen in der Kunst, die so etwas wie eine stete Anwesenheit des ambivalenten, solitären Menschseins zu formulieren suchen, es erblicken und uns davon berichten.
Schon immer entstanden zu den Plastiken
seit Mitte der Achtziger Zeichnungen in den unterschiedlichsten
Mischtechniken auf Papier. Zur haptischen Welt gesellte sich (ebenso im
Rausch des Herauswerfens aus den unergründlichen Impulsen des Unbewussten
kommend) die der Flächenassoziation. Mit holzfarbiger Beize und schwarzer
Tusche brachte er in unzähligen Blättern Chiffren auf wesenhaft
Kreatürliches ans Tageslicht. Dabei wird das Papier zur archaisch
raunenden Membran zwischen den Bereichen des Sichtbaren und des Erahnten.
Sie bannt, wie Fotopapier, diese Momentaufnahmen von den sich schnell
ereignenden Schöpfungsphasen. Konsequenterweise kann es davon kein
endgültiges Bild geben, keine klaren Ortsbezeichnungen sowie eindeutige
Formulierungen. Andeutungen sind schon das Konkrete; sie bleiben es, auch
wenn sich nur Rudimente des Organischen ausmachen lassen. Der Beizeton an
sich hat schon immer etwas Dunkles und Unergründliches, kommen dann noch
die erregt hingehauenen Flecke und die äußerst halluzinativ gesetzten
schwarzen Strichlagen hinzu, können sich Menschen, Tiere oder Vegetabiles
herausbilden – doch alles erscheint flächig, wie eingeklemmt zwischen der
Bildaußenhaut und dem Hintergrund. Seine Geschöpfe fliehen einer womöglich
zustande kommenden, starren Zeichenhaftigkeit. Sie entweichen in die
ahnungsvollen Sümpfe des Unentschiedenen. Wie in einem Rorschach-Test wird
unsere Fantasie herausgefordert. Die Vorstellungswelt und psychische
Konstellation jedes Einzelnen kann sie »erlösen«: beleben. Dieser Moment
des Sehens, Erkennens und Deutens erinnert ebenso an unseren Umgang mit
den prähistorischen Höhlenmalereien, mit Kultzeichen alter und
außereuropäischer Kulturen. Ein Rest des Unauflösbaren bleibt immer: etwas
Geheimnisvolles – etwas magisch Unheimliches, etwas, das vielleicht durch
weiteres Analysieren seine Kraft verliert. Gerade dieser Aspekt des
Irrationalen in der Zeit der postmodernen Dekonstruktionsfreuden macht die
kraftvolle Bildmagie seiner Zeichnungen aus. Aus morastigem
Braungefleckten – dem Bennschen Urschlamm225 oder dem alchimistischen
Urstoff? – steigen Schattenwesen auf. Sie erheben sich vor dem nun
erstrahlenden Grund. (Platons Höhlengleichnis kommt einem in den Sinn: die
in einer Höhle lebenden Menschen halten Schatten durch den Feuerschein für
die Dinge an sich. Dabei sind diese wiederum nur Abbilder eines Ideals,
das vor der Höhle von der Sonne das Licht erhält.) Die »Sitzende« krümmt
ihren Körper wie ein Fötus, der sich noch in der Geborgenheit des
Mutterleibs Erde wähnt. Informelle Beizespuren deuten eine Störung dieses
Zustandes an. Ihr Kopf ist schon der kalten Schutzlosigkeit des Lichts
ausgeliefert; etwas Unumkehrbares hat begonnen, die Rückkehr zum
schützenden Urzustand ist unmöglich. |
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