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Ohne Titel (Installation von 15 Zeichnungen) Was veranlasst Maler und Schriftsteller, sich immer wieder von neuem dem Publikum preiszugeben? Max Frisch stellte in diesem Zusammenhang fest, dass der eine Teil von ihnen das tue, »um die Welt zu verändern«, der andere dagegen, um diese »zu ertragen, um standzuhalten sich selbst, um am Leben zu bleiben«.127 Dass Gil Schlesinger ohne Zweifel zur zweiten Kategorie zu zählen ist, wird dabei weniger vom intellektuellen Wollen bestimmt, sondern vielmehr von seiner Emotionalität, vom künstlerischen Temperament. Dennoch hängt es letztlich nur mittelbar vom Einzelnen selbst ab, mit welcher Thematik er sich beschäftigt. Vielmehr ist es die Zeit, in der der Künstler lebt, wie das soziale Umfeld, in das er hineingeboren wird, die ihn zwingen, bestimmte Fragen zu stellen, einer konkreten Thematik nachzugehen und hierfür den adäquaten Formenapparat zu finden. So manifestiert sich in der bildenden Kunst auch eine Verdichtung von Geschichte, die an den Werken von Gil Schlesinger besonders eindrucksvoll erkennbar wird. Geprägt von der Vielfalt eines oft erzwungenen Lebensweges, weisen diese in ihrer sensiblen Vielgestaltigkeit mittelbar auf die Brüche und Diskontinuitäten in der deutschen Geschichte der letzten sechzig Jahre hin. Zugleich werden sie aber von einer urbanen Welthaltigkeit bestimmt, die sich bei ihm jedoch nie ins beliebig Unverbindliche verliert.
Das musisch intellektuelle Klima eines
freisinnig jüdischen Elternhauses sowie die Schriften des Talmud mit ihren
hebräischen Schriftzeichen sollten die Grundlage für die Lebens- und
Bildvorstellung des Künstlers bilden. Doch neben dieser verzauberten Welt
bekam Schlesinger schon früh Härte und Grausamkeit des faschistischen
Alltags zu spüren. Nach Kriegsende wanderte er nach Israel aus. Hier waren
es die Bekanntschaft mit Intellektuellen und bildenden Künstlern, die ihm
handwerklich technische Kenntnisse vermittelten und Schlesinger zugleich
geistigkulturelle Horizonte erschlossen. Als die Mutter in die DDR
übersiedelte, folgte ihr der Sohn 1955 nach. In Leipzig entwickelte er
seine bis heute gültige Bildsprache. Mit großzügig expressiver Geste wird
die Farbe in spontaner Entschiedenheit auf die Leinwand oder das Papier
aufgetragen. Die Grenzen zwischen nonfigurativer und gegenstandsbezogener
Gestaltung sind fließend, so dass seine Arbeiten jenseits von Stilen und
Strömungen sowohl Aktualität wie Zeitlosigkeit in sich vereinen. Die
unangepasste Besonderheit des Werkes wie die Persönlichkeit des Künstlers
sollten ihn für das offizielle Kunstgeschehen in der DDR zur kaum
beachteten Randfigur128 werden lassen. So blieb ein Unbefriedigtsein
zurück, weshalb er 1980 die DDR verließ. Als der Künstler bereits 1 Jahr
in München lebte, entstand eine Installation von 15 großformatigen
Tuschzeichnungen, die zu seinem zeichnerischen Hauptwerk zählt. Sie ist
eine Synthese von Erfahrungen, die er in den verschiedensten
Lebenssituationen gewinnen konnte und die sich in der Rückschau bei ihm
zur Form verfestigt haben. Die erlebte Kenntnis von der Vielfalt der
Kulturen ermöglichte ihm dabei eine besondere Perspektive der Sicht. Diese
besteht vor allem darin, das Gemeinsame des auf den ersten Blick so
Unterschiedlichen zu erkennen und hierfür eine adäquate
Formulierungsmöglichkeit zu finden. Nicht zuletzt ist das einer der Gründe
dafür, dass diese Blätter an bildgewordene Mythen erinnern. Dabei ist es
das intuitive Spiel mit der freien Form, das bei näherem Hinsehen immer
wieder Reales erkennen lässt. Geometrische Grundformen, wie hebräische und
lateinische Worte und Buchstaben, aber auch eine Vielfalt von Zeichen und
Zahlen, die an geschichtsträchtige Symbole denken lassen, sind es, die
einen formalen Dialog miteinander führen. Obwohl sie nie eindeutig
definierbar und inhaltlich zuzuordnen sind, haben diese sich dennoch nie
ganz von ihren ursprünglichen Wurzeln gelöst. Dadurch nehmen sie die Form
dieser uralten Bilder an, die oft verschüttete Realitätsebenen wieder
ahnbar werden lassen.129 Durch das Zusammenspiel der Papierstruktur mit
dem momentanen Erhaltungszustand des Blattes und dem malerischen Konzept
bekommen seine Zeichnungen einen Charakter, der sowohl von organischer
Lebendigkeit als auch durch Verletzlichkeit und so letztlich von
Kostbarkeit geprägt wird. |
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