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Rituale I–VI · 1995/96
War die progressive westeuropäische
Kunst seit Jahrzehnten darauf festgelegt, das Disharmonische,
Antiklassische und Konfliktbeladene zu thematisieren, sollte sich das mit
der »neuen Gegenständlichkeit« seit den 80er Jahren ändern. Zu ihren
herausragenden Vertretern gehört Cornelia Schleime. Doch was fasziniert
die Betrachter gerade an ihren Werken? Vor allem ist es das delikate
malerische Können, das sowohl ihre Gemälde, vor allem aber auch ihre
Zeichnungen bestimmt. Dieses paart sich mit ihrer unbändigen Lust,
positive optische Aspekte des Seins erkennbar zu machen. Das gelingt ihr
auf eindrucksvolle Weise nicht zuletzt auch dadurch, dass ein leiser
Unterton von Melancholie in ihren Arbeiten zum Klingen gebracht wird, der
auch als Heimweh nach der verlorenen und so besser und schöner scheinenden
Welt zu deuten ist. Demzufolge sind ihre Gemälde ebenso wie die
Zeichnungen meist in der Vergangenheit angesiedelt. Das zeigt sich in der
Wahl der Themen als auch in den Bildvorlagen selbst. Doch alte Photos und
Zeitungsdrucke sowie Film- und Videoaufnahmen, aber auch Postkarten dienen
der Künstlerin oft nicht als direkte Vorlage, sondern als Anregung für die
Arbeit. Nicht zuletzt wird so von ihr eine Distanz zum gegenwärtig Realen
geschaffen, wobei die Arbeiten aber dennoch eine unglaubliche
Diesseitigkeit besitzen. Etwas widersprüchlich Rätselhaftes entsteht so,
das uns veranlasst, ihre Arbeiten immer wieder von neuem zu betrachten.
Unerwartete formale, aber auch inhaltliche Lösungen weisen dabei auf eine
Persönlichkeit hin, die sich von nichts und niemandem vereinnahmen lässt.
Ihre Biografie bestätigt diese Behauptung. Die Künstlerin erkennt aber
auch die eigene Widersprüchlichkeit des Wollens. Sie nutzt diese für ihr
Schaffen, um die Spannung zwischen räumlichen Dimensionen wie Klein zu
Groß ebenso zu erhalten wie z.B. von vielen Figuren zu einer. So entstehen
parallel und gleichberechtigt neben der Malerei Aquarelle und farbige
Zeichnungen. Hier ist es ein spontaner Arbeitsprozess, der sich mit dem
Aufzeichnen von Gesehenem, aber auch Erlebtem und Empfundenem verbindet.
Die Leichtigkeit sowie die differenzierte Motorik der Handschrift
bestimmen ihre Arbeiten auf Papier. Das belegen die 6 Wasserfarbenblätter
zum Thema Rituale. Hier wird der sensible Umgang mit den verschiedenen
Papierarten, die als Bildgrund dienen, ebenso erkennbar wie die stimmige
Farbauswahl der Gründe, die sie in geschickter Weise ins Verhältnis zur
Persönlichkeit der Dargestellten zu setzen weiß. Ein zartes Rosé oder
Lindgrün und Türkis sowie ein helles Ocker unterstreichen den Liebreiz der
weichen Jungmädchengesichter. Nur die überdimensionierten Zöpfe, die zum
Teil die Horizontale oder auch diagonal die Papierfläche umspannen und sie
zugleich konsequent gliedern, sprechen von einer kraftvoll ungebändigten
Natur der Mädchen. Sie lassen die Dargestellten zum Teil zur ornamentalen
Arabeske werden und geben ihnen aber auch eine phantastisch surreale Note.
Die Künstlerin bekennt: »Das Zarte kommt besonders in den Zeichnungen zur
Geltung, die intuitiv aus mir entstehen. Es bedarf eigentlich überhaupt
keiner Anstrengungen. Diese Zeichnungen sind in mir, es fließt, und das
ist das, was ich kann.«218 |
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