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Schützende Hände · 1968
Ursprünglich hatte Hans Theo Richter
den Wunsch, Bildhauer zu werden, was sich jedoch durch seine körperliche
Konstitution nicht realisieren ließ. So schwankte der aus bürgerlichem
Elternhaus stammende junge Mann zwischen einer Ausbildung als Musiker und
bildender Künstler. Nicht zuletzt wurde er durch sein familiäres Umfeld,
in dem Vertreter beider Berufsgruppen anzutreffen waren, hierzu angeregt.
Er entschied sich für ein Studium an der Kunstgewerbeschule und lebte ab
1923 als freischaffender Maler und Grafiker in Dresden. Sein
selbstkritischer Blick, verbunden mit den hohen Anforderungen an das
eigene Tun, ließen ihn drei Jahre später die Kunstakademie in Dresden
besuchen, wo er bis 1931 Meisterschüler von Otto Dix wurde. Durch dessen
»ausgeprägte Persönlichkeit, sein Wesen, das völlig anders war« als das
Richters, habe dieser künstlerisch zu sich selbst gefunden. Das sei sein
»größter Dank an ihn«.78 Im Unterschied zum Lehrer blieb Richter über den
Schaffenszeitraum von mehr als 40 Jahren unbeeinflusst von den
Zeitereignissen. Man kann den Künstler so im besten Sinne des Wortes als
konservativen Klassiker bezeichnen. Darunter ist zu verstehen, dass er
zeitlebens das Vollkommene und somit Ausgereifte, d.h. das maßvoll
Ausgewogene und von Spannungen erlöste, anstrebte und es in klarer
Gesetzmäßigkeit darzustellen verstand. Er bekennt in diesem Zusammenhang:
»Jede Kunst ist für mich ein Zurückführen, eine Ordnung, die groß und
einfach ist«.79 Diese fand er verbunden mit der Virtuosität und
künstlerischen Genialität des Schwarz-Weiß in der Grafik eines Rembrandt,
die für ihn ebenso zum Maßstab wurde, wie er große Sympathie für die Kunst
von Käthe Kollwitz hegte, mit der er sogar eine Arbeit tauschte. Weit
stärker als diese legte sich Richter sowohl eine formale als auch
inhaltliche Selbstbeschränkung auf, um so in seinem Schaffen zur
angestrebten Vollendung zu gelangen. Demzufolge entstanden ausschließlich
Zeichnungen, Aquarelle und Druckgrafik. Thematisch ist es meist der
Einzelne oder die kleine Gruppe, der er sich in ihrem unspektakulären
Alltagsdasein nähert. Ob es nun Kleinstkinder sind, allein im Spiel
versunken oder in den behütenden Armen der Mutter bzw. in der Obhut des
Großvaters, genau so gern wählt er junge Mädchen als Modell, die versunken
ihr Spiegelbild betrachten, Geige spielen oder dem Spiel sinnend lauschen.
Immer ist es das introvertierte Sein oder leises bedachtsames Tun, das die
Bildaussage bestimmt. Nie gleitet der Künstler dabei ins Illustrative ab.
So dominiert äußerste Sparsamkeit und Einfachheit in der Gebärdensprache
der Dargestellten, die er in halber oder ganzer Figur, von vorn, der Seite
oder als Rückenfigur wiedergibt. Dabei fällt immer wieder die starke
Plastizität der Figuren auf, die an den ursprünglichen Berufswunsch,
Bildhauer zu werden, denken lässt, aber auch an die seine Kunst
befruchtende Freundschaft zu geistesverwandten Bildhauern wie Gerhard
Marcks und Gustav Seitz. Wie diese führt auch er bei seinen Blei-, Kohle-
und Kreidezeichnungen und Grafiken alle Formen zunächst auf Urformen wie
Kreis, Ellipse und Quadrat zurück, um dann bei den Handzeichnungen wie bei
den Grafiken mit sensibel zarter Lineatur die Figur vor dem weißen
Blattgrund hervorzuheben oder sie aus dem dunklen Grund, den der Künstler
gern als »Urmasse« bezeichnete, herauszuschälen. Bei der Grafik bevorzugt
Richter die Lithografie, die er meist auf Umdruckpapier mit Pinsel, Feder
und besonders gern mit Kreide zeichnet. Dem Aquarell hat sich der Künstler
nur sporadisch während der Jahre 1932, 1933 und 1951 zugewandt, was er mit
den Worten begründet: »Der Krieg hat mir die Farbe verschüttet«.80 Auf
eine Zahl prominenter Schüler, wie u.a. Joachim John, Gerhard Kettner,
Klaus Magnus, Max Uhlig, Claus Weidensdorfer und Dieter Goltzsche, konnte
der strenge Lehrer Richter zurückblicken. Mit Hochachtung und zum Teil
auch mit Liebe gedenken sie der Worte des Lehrers, die für diesen zum
Schaffensgrundsatz wurden: »Jeder Strich muss Sinn und Charakter besitzen,
Lebendigkeit und Frische bewahren… Nicht äußerlich und liederlich werden.
Sondern formen und vergeistigen; nicht nach Außen explodieren, sondern
nach Innen explodieren, den Kern freilegen.«81 |
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