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Nach dem Regen · 1978
Aquarell · 56,9 x 77,2 cm
bez. r.u. Quevedo 78 · erworben 1978
»Mit meiner Stimme sprechen: Das
Äußerste. Mehr, Anderes habe ich nicht gewollt.«149
Das sind jene Worte,
die Christa Wolf für ihre »Kassandra«150 wählte. Nuria Quevedo, die jene
Sätze der Schriftstellerin zum Leitgedanken einer Mappe mit Radierungen
und Kohlezeichnungen zu diesem Thema schuf, identifizierte sich darüber
hinaus in ihrem gesamten Werk mit dem Anspruch der Schriftstellerin.
Als sie 14 Jahre alt ist, emigriert
ihre Familie aus Spanien in die DDR. Hier studierte sie Grafik an der
Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee. Es
entstehen zunächst freie Grafiken, vor allem aber zahlreiche
Illustrationen zur deutschen und spanischen Literatur. Doch bald sollte
sich ein Gleichgewicht zwischen ihrem grafischen Schaffen und dem Malen
und Aquarellieren einstellen. Unabhängig aber von den Themen und Techniken
geht die Künstlerin in ihrem Werk immer eine Synthese von spanischem und
deutschem Traditionsverständnis ein. Die Verschiedenheit sowohl der
Empfindungsweisen als auch des Kunsterbes beider Länder versteht sie dabei
wirkungsvoll miteinander zu verbinden und in die Gestaltung einfließen zu
lassen. So wird in ihrer Kunst »der Hang zum Meditieren und
Philosophieren«151 deutlich, übrigens ein Wesenszug, in dem Nuria Quevedo
auch die »Gemeinsamkeit zwischen deutscher und spanischer Mentalität«152
sieht. Dieses kontemplative Moment wird besonders intensiv bei ihren
Landschaften nachvollziehbar. Seit jeher beeinflusste die Natur ihre
Arbeit. Auf die Bleistiftzeichnungen unmittelbar vor der Natur folgte seit
1975 bei Nuria Quevedo das Aquarellieren, für das ihre Skizzen und Fotos
als Vorlage und Erinnerungsstützen dienten. Der norddeutsche Raum und
Mecklenburg sind dabei für die Künstlerin von besonderem Interesse. Sie
selbst bestätigte das mit den Worten: »Ihre Farbigkeit liegt mir sehr, das
Herbe auch, das Anspruchslose, das so viel Schönes enthält«153 Das gilt
auch für die Landschaft der Ostsee, wenn sie sich auch erst an deren
Besonderheit gewöhnen musste, weil sie als Kind am Mittelmeer groß
geworden ist. Statt seines Blaus wirkte nicht nur das Grüngrau unserer
Küste zunächst sehr fremd auf sie, sondern auch »dieser ewig silbrige
Himmel. Aber dieses alles ist mir jetzt nahe«,154 bekennt die Künstlerin.
Doch verstummte deshalb die künstlerische Äußerung über die Landschaft der
spanischen Heimat nicht. Neben der Konzentration
auf wachgebliebene Erinnerungen trat von Zeit zu Zeit durch Reisen nach
Spanien die Kontrolle durch das unmittelbare Erlebnis. »Dieser
spannungsreiche Gegensatz zwischen den beiden so unterschiedlichen
Landschaften«155 ist ihrer persönlichen Meinung nach »eine interessante
Motivation«.156 Dem spanischen Erbe wird dabei sicher jener
grünlich-goldene Farbklang anzurechnen sein, der bei den einzelnen
Blättern in unterschiedlicher Abwandlung erscheint. Aber nicht nur die
figürlichen Darstellungen, auch die Landschaften besitzen nichts Liebliches. Von herber
Strenge sind die anspruchslosen Motive, sind Wiesen und Brachfelder
geprägt, wobei die landschaftliche Weite ebenso eingefangen wird wie
atmosphärisches Geschehen. Meist werden Stimmungen des Herbstes oder
Vorfrühlings gewählt, ist der Zeitpunkt unmittelbar vor oder nach dem
Regen eingefangen, so dass Spieglungen von Büschen und Bäumen auf den
Wiesen das Gefühl von Schwerblütigkeit noch verstärken. Dabei wurde die
Farbe Schicht für Schicht aufgetragen, ohne hierdurch ihre Transparenz zu
zerstören. Ein feiner Goldton überzieht nicht selten als letzte Schicht
das gesamte Blatt. Doch auch hier wird jene sonore Stimmung durch das
Übereinandertragen von warmen und kalten Gelbtönen unterbrochen, wodurch
mit den widersprüchlichen Farbzusammenklängen eine nachhaltig
beunruhigende Wirkung erzeugt wird, die jedoch nichts mit depressiv
stimmender Traurigkeit zu tun hat. Ihre Motivation für die künstlerische Arbeit
fasst Nuria Quevedo mit den Worten zusammen: »Malen und Zeichnen
resultiert aus dem Bestreben, sich selbst auszudrücken, sich mit
bestimmten Erlebnissen auseinander zu setzen, Konflikte zu überwinden,
sich zu befreien. Es kann auch ein Prozess des Nachdenkens, ein Mittel zur
Erkenntnis sein. Man versucht, die Umwelt, die Mitmenschen besser zu
begreifen«.157
Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner
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