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Rückenakt am Fenster · 1967 Am 8.11.1959 schreibt Curt Querner in sein Tagebuch: das »Urwüchsige, Vitale, das Abgerackerte, das Strotzende, Überschäumende des Fleisches, ja ihren Geruch nach allem Möglichen, Milch, Heu, Kuh – all das müsste beim Malen mit hereinkommen. Eine Landschaft mit tausend Gesichtern. Man sollte nicht müde werden, zu suchen und zu beobachten. Man wird niemals fertig. Vielleicht will man zu viel? Was hab’ ich nicht alles nach Modell H. gemalt! Immer darauf aus, jetzt den großen Wurf zu machen, eine endgültige Lösung dieses Plastischen, Farbigen, dieses Volumens zu finden.«82 Mit diesem Bekenntnis, das sich auf Herta Mickan, eine junge Frau seines Heimatdorfes bezieht, gibt der Künstler wesentliche Grundsätze seines Schaffens preis. So trifft man das urwüchsig Vitale und zugleich aber auch das abgerackert Verbrauchte bei den Darstellungen fast aller seiner Modelle an. Aus dem unmittelbaren Lebensumfeld stammen sie, so dass Querner diese nicht nur gut kannte, sondern über Jahrzehnte hinweg in ihrem optischen Anderswerden immer wieder vor dem Modell malte und zeichnete. Die plebejische Haltung, in der sich nicht zuletzt die urwüchsige Kraft seiner Handschrift manifestiert, hat dabei einen recht persönlichen Hintergrund.
So wurde der Künstler im Dorf Börnchen
am Nordrand des Osterzgebirges in ärmlichen Verhältnissen geboren. Nach
Beendigung seiner Schlosserlehre studierte er bei Otto Dix. Wie viele
seiner Mitstudierenden war er von dessen Schützengrabenbild (1920/23)
ebenso fasziniert wie von den Elternbildern (1921 und 1924). Als Folge
davon setzte sich der »Landmensch« Querner zwar mit der Mal- und
Zeichentechnik des »Stadtmenschen« Dix auseinander, doch das demaskierend
Überzeichnete, aggressiv Brutale seines Vorbildes ist bei ihm in anderer
Form zu finden. Seine Kunst wird von der Ärmlichkeit des Dorflebens und
dessen drastischer Alltäglichkeit bestimmt. Neben Bildnissen der Mutter
oder Darstellungen von alten Landarbeitern wie dem Bauern Rehn und
Bäuerinnen sowie Dorfkindern, die er sowohl vor wie nach 1945 zum Thema
seiner Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle wählte, schuf er auch zahlreiche
Aktdarstellungen. Diese entstanden vor allem nach der Rückkehr aus
französischer Kriegsgefangenschaft im Jahre 1947. Während der Künstler in
der Gemäldegalerie Alte Meister den weiblichen Körper an Darstellungen von
Rembrandt und Rubens studiert, arbeitet er in Börnchen vor seinem
Lieblingsmodell, der jungen Bauerntochter Herta Mickan, die den 28 Jahre
älteren Künstler immer wieder von neuem zur Gestaltung inspirierte. Wir
erfahren aus Querners Tagebuch, dass er seit 1958 jährlich im Durchschnitt
55 Aquarelle und 80 bis 115 Zeichnungen83 nach diesem Modell schuf. Ob von
vorn, von der Seite oder als Rückenakt, die prallen Rundungen der Frau in
ihrer groben kraftvollen Diktion muten naturhaft animalisch an. Diese
Körperlandschaften fordern den Vergleich mit den Landschaftsaquarellen und
Zeichnungen geradezu heraus. So trifft auf die nass in nass gemalten
Blätter und Kohlezeichnungen von der Umgebung Börnchens durchaus der
Begriff des Landschaftsgesichts zu, was nicht zuletzt auf die
strukturellen Gemeinsamkeiten von Mensch und Natur verweist. »Kein Strich
für Snobs«84 stellt der Künstler bezogen auf seine Zeichnungen fest, will
er doch »Akte malen, die heidnisch sind«.85 Diesem Wunsch entspricht die
antiklassische Gestaltung des schweren massigen Körpers durch dichte
Strichlagen, die diesem nicht allein Lebendigkeit verleihen. Sie
definieren auch den Raum und die darauf bezogene Körperarchitektur. Immer
wieder begeisterte sich der Künstler an seinem Modell und reflektierte das
Gesehenen mit den Worten: »Verdammt noch mal, wenn sich die H. bückt, der
breite Rücken neigt sich zu mir, ich sehe die prachtvolle Form, die sich
in ihrem breiten Arsch mächtig rundet, was denk ich da an Kunst – ich
denke da gar nichts, sondern so was muss man einfach malen, formen,
zwingend malen… Was denk ich da, was dieser und jener daraus macht – ich
will das haben, wie es da ist. Dachten die Großen anders? Ich glaube
nicht.«86 |
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