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Straße II · 1979
»Ich bin Hallenser und die Pfeifers
haben sich nie allzu weit von dieser Stadt entfernt. Das kann man Phlegma,
Heimatliebe oder einfach ein Bedürfnis nach Ruhe nennen. Fast alles, was
auf meinen Bildern zu finden ist, alles, was ich an Material brauche, habe
ich hier gefunden. Dabei hatte ich nie das Bedürfnis, als Mahner in
Erscheinung zu treten, schon gar nicht mit meinen
Halle-Neustadt-Bildern.«193 »Es war eher Zufall«, bekennt der Künstler,
»dass es dort nur eine freie Wohnung für meine Familie gab. Und da ich vor
allem immer am Nächstliegenden interessiert war, entstanden dann die
Bilder meiner nächsten Umgebung«.194 So schuf Uwe Pfeifer seit den 70er
Jahren neben Landschaftsdarstellungen eine Vielzahl von Gemälden und
Grafiken, die die unterschiedlichsten Sichten vom Neubaugebiet und seinen
Einwohnern vermitteln. Der gerasterten Eintönigkeit von Architektur, wie
sie wohl überall in Deutschland zu finden ist, wird durch die Darstellung
von verschiedenen Tages- und Jahreszeiten, durch Lichteffekte und
Schattenspiele, aber auch durch Unter- und Draufsicht nicht selten ein
poetischer Moment abgewonnen. Nicht zuletzt erhält die geometrische
Kleinteiligkeit der Architektur, der meist ein großflächig weiter und an
Farbübergängen reicher Himmel gegenübersteht, durch die wechselnden
Lichtverhältnisse während des Tagesablaufs ein ständig sich wechselndes
Gesicht. Auch nutzt der Künstler die Bildsprache der Romantik, was er
erklärend in den Worten zusammenfasst: »Die Personen auf meinen Bildern
sind immer auch Wartende …es gibt immer wieder den Menschen, der vor dem
Gewaltigen zugleich Schönen und unfassbar Bedrohlichen steht.195 Mit
dieser Sicht steht er der Kunstauffassung seines Lehrers Wolfgang
Mattheuer durchaus nahe. Doch sind es weder dieser noch Werner Tübke, die
Pfeifer letztlich bestätigen sollten, obwohl beide ihm an der Hochschule
für Grafik und Buchkunst in Leipzig das technische Rüstzeug für die
spätere Arbeit zu vermitteln wussten. Vor allem regte den Künstler das
Werk von Franz Radziwill an, das er in den Museen von Halle, Leipzig und
Berlin bewundern konnte. »Das Magische, das sich an ganz realen Orten
abspielt, hat mich fasziniert«196,
stellte er in diesem Zusammenhang fest. Noch stärker jedoch war der
Einfluss der Malerei und Grafik von Karl Völker, der sich 50 Jahre zuvor
in Halle mit vergleichbaren Fragestellungen beschäftigte. So sind es für
Pfeifer die Dingpräzision der Formensprache, vor allem aber die Themen,
die nicht allein für ihn Aktualität behalten. So bekennt er: »Treppen,
Tunnel, Industriearchitektur, das sind dieselben Bühnen wie bei Völker und
der Mensch in der Industrielandschaft, der seine Individualität in einer
genormten Umwelt bewahren will. Diese Orte sind ähnlich und auch die Suche
nach dem erfüllbaren Traum.«197 Diese Suche wird auf dem Blatt »Straße II«
erkennbar. Hier hasten die Menschen in der Anonymität der Stadt aneinander
vorbei. Sie sind der Neubauarchitektur durchaus vergleichbar, ihrer
Individualität beraubt und erscheinen in standardisiert modischer
Verpackung zum einen gesichtslos, zum anderen ortlos, d.h. überall und
nirgends hinzugehörig. Obwohl sie auf dem vorgestellten Blatt in der
Gruppe auftreten, bleiben sie voneinander isoliert und unterscheiden sich
in nichts von den Schaufensterpuppen. Doch es sind nicht allein die
vergleichbaren Gesten von Puppen und Menschen, deren Weg sich durch die
Diagonalkomposition zu kreuzen scheint. Die hastende Unruhe der Personen
wird durch die Diagonalkomposition verstärkt und verleiht der Darstellung
eine surreal beunruhigende Note. »So wie ich gemalt habe, waren die Bilder
ja das, was eigentlich gefordert wurde. Realismus im Sozialismus.
Allerdings war das Ergebnis nicht gerade erfreulich für die Funktionäre…
Dass ich nicht allzu viel Angriffsflächen geboten habe, war mehr Zufall.
Die Bilder kamen zur rechten Zeit. Fünf oder zehn Jahre vorher hätte ich
diese Art Malerei nicht ausstellen können«198, stellt der Künstler zu
Recht in der Rückschau fest. |
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