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Das rote Flugzeug · 1985/86 Ein nicht anpassungsfähiger Mensch und Künstler, unbeirrbar und nicht aufzuhalten im Leben wie auch in der Kunst - so könnte man die wesentlichsten Charaktereigenschaften von A.R. Penck beschreiben. Demzufolge musste es bei ihm von frühester Jugend an zu Konflikten kommen, existenzielle Brüche waren vorherzusehen. So war ihm die von vielen als notwendig erachtete Selbstzensur ebenso wesensfremd wie das nicht selten hieraus resultierende Gefühl des Eingebundenseins in eine Gemeinschaft, geschweige denn in einen Staat. Damit waren Schwierigkeiten vorprogrammiert. So brach er nicht nur die Schule und die Lehre ab, auch die Bewerbungen an den Kunstakademien in Berlin und Dresden schlugen fehl. Das nötige Selbstbewusstsein und die daraus resultierende Kraft für ein unbeirrtes künstlerisches Arbeiten schöpfte Penck immer wieder aus sich selbst, ohne auf bestätigendes Lob oder korrigierenden Tadel von Institutionen oder Lehrern angewiesen zu sein. Trotz aller Zurückweisungen setzte sich der Künstler auch weiterhin mit dem Marxismus, aber auch mit der Kybernetik und Informationstheorie auseinander. Als Folge hiervon entstanden Zeichenstudien über abstrakte Denkprozesse. Hieran knüpfte die weitere Beschäftigung mit Symbolen an sowie eine Untersuchung zu Gebärden und Körperhaltungen, was einen radikalen Abstraktionsprozess nach sich zog. Penck entmaterialisierte die Figur und ihre Körperlichkeit bis auf Zeichen und Chiffren. Diese radikale Reduktion der Form wiederum ermöglichte es ihm, das Land bzw. die Welt »als ein System aus Haltungsbezügen«161 darzustellen und eine »Beziehungslogik««162 aufzuzeigen. Mit ihr verfolgte er das Ziel, die Kunst zum »Informations-besitz jedes Einzelnen«163 werden zu lassen und damit eine »wirkliche Demokratisierung der Künste«164 zu erreichen. Vielleicht war es gerade diese Naivität, mit der er seine politische Utopie in ein damit im direkten Zusammenhang stehendes formales Konzept kleidete, das seiner Kunst aus jenen Jahren einen davon fast völlig unabhängigen neuartigen optischen Reiz verlieh, der visuelle Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft besaß. Während Ralf Winkler – oder A.R. Penck bzw. Mike Hammer, wie er sich u.a. auch nannte, den Namen immer wieder änderte und damit seine sich wandelnde künstlerische Identität anzeigte, sah er letztlich durch die Ausbürgerung Wolf Biermanns, dass notwendige Veränderungen in der DDR unmöglich und seine Utopie damit gescheitert war. Folgerichtig reiste er 1980 nach Köln aus.
In Westdeutschland
angekommen, beschreibt Penck seine objektiv veränderte Lage mit den
Worten: »Im Osten war ich relativ unschuldig, weil ich da von moderner
Kunst nichts kannte, es sei denn aus Büchern. Im Westen habe ich nun meine
Unschuld verloren, weil ich alle Effekte sehe und weiß, was alles mir
nicht mehr passieren darf«.165 Dennoch hielt er bei seinen Gemälden wie
bei den Plastiken, Skulpturen und Objekten an der Figur als »thematischer
Aufgabe«166 fest. Während sich seine Kunst vor 1980 in den verschiedenen
Entwicklungsetappen recht unterschiedlich ausdrückte, vollzog sich mit
seinem Leben in der Bundesrepublik eine Synthese im Formalen. So ist auf
seinen Kaltnadelradierungen, den Siebdrucken wie auf der Lithografie »Das
rote Flugzeug« sowohl das Signal als Zeichen zu finden als auch der Kampf
zwischen Figur und Raum zu konstatieren. Dieser wird in der
Schwerelosigkeit des fiktiven leuchtend gelben Flächenraumes von
durcheinander wirbelnden Figuren aus verschiedensten Kulturen und Mythen
geführt. Wie ausgestanzt wirkt die durch blaue Umrisse kenntlich gemachte
Personage, geschmückt mit geheimnisvoller Zeichnung. Der tanzende Jäger
mit seinem doppelt gespitzten Speer scheint hier gerade auf eine Vogelfrau
zu treten, deren flossenartiges Bein letzte Signale zur Kenntnis gibt.
Umkränzt wird das ungewöhnliche Paar vom Adler, dem Nashorn und der
Schlange, wobei auch schildkrötenartige Geschosse und sogar die Pyramiden
auf dem Blatt zu finden sind. Nur das rote Flugzeug, welches dem Blatt den
Titel gab, ist nirgends zu sehen. Doch wir vermissen es nicht bei diesem
dynamisch harmonischen Klang der festlich fremden Bildmelodie. |
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