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Aus dem Comic »Morgenröte/Linda+Lorna« (10 Zeichnungen)
Röntgen Slip · o.J.
Tusche, Acryl, Folie · 29,8 x 21 cm · unbez. · erworben 2002
Die in Sopot geborene Künstlerin lebt
seit 1981 in Hamburg und studierte dort von 1982 bis 1988 an der
Hochschule für bildende Künste. Seit den späten Achtzigern dehnte sie die
Tätigkeitsfelder für ihren erweiterten Kunstbegriff, der absolut nichts
mehr mit dem Beuyschen Kunstbegriff zu tun hat, schnell aus. Zu ihren
umfangreichen Aktivitäten zählen unter anderem Installationen, Zeichnungen
sowie viele Projekte mit Musikern und Künstlern im Grenzgebiet von E- und
U-Kunst. Damit gehört sie zu den umtriebigsten, provokativsten
postfeministischen Künstlerinnen in diesem Land, die ihre Arbeit mit
Elementen aus Entertainment, Trash, Kitsch als auch Pop-Art-Relikten
anreichert – und ebenso, je nach Bedarf, das Ambiente der Clubkultur, des
Kabaretts und des Rotlichtmilieus für sich vereinnahmt. Ihr Anliegen ist
eine kompromisslose Attacke auf das Betriebssystem Kunst, auf die
Machtmechanismen dieser patriarchalischen Welt und die Entzauberung des
Mythos von der Suche nach der ewigen Liebe (Sex?). Die Resultate sind
dementsprechend provokativ-irritierend. Trotz ihrer ersichtlichen
Pophaltigkeit bewirken sie eine bedrängende Tiefenwirkung beim Betrachter.
Zuerst beginnt alles recht unterhaltsam, denn die Grenzen des guten
Geschmacks als auch des Peinlichen werden haarscharf überschritten. So
wird Harmlosigkeit vorgetäuscht, doch dann wirkt die Wucht des
Frontalangriffs umso stärker. All das, was man sich bis dahin mühsam
erlogen hat, das, was verdrängt, vergessen oder schön gedacht wurde, wird
auf einmal ohne Vorwarnung enttarnt. Bei ihr gibt es keine Unschuld der
Kunst mehr, keine Oberfläche ohne Risse und keinen Waffenstillstand
zwischen den Geschlechtern. Sie bringt die großen Themen Glück und Liebe
ins Spiel, indem sie deren Abwesenheiten thematisiert, ihre Kehrseite
zeigt. Das Nichtanwesende wird dadurch umso klarer als ein Verlust der
Orientierung empfunden. Dass das Paradies längst geschlossen ist, das ist
allgemein bekannt, doch sie stört noch das Träumen der Träume und lässt
sogar noch die schillernden Seifenblasen ihrer Surrogate platzen.
Auch in ihren Animationsfilmen
dominieren »Sex and Crime«, »Boy mets Girl« sowie eine weibliche
007-Aktivistin im Kampf gegen die Weltverschwörungen. Ihre ausufernden
Installationen und Objekte bauen eine Atmosphäre des sexuell
Albtraumhaften, des Bedrohlichen sowie Grotesken auf. Im Museum
inszenierte sie 2002 die umtriebigen Aktivitäten der schillernden
polnischen Sekte »Snupiekult«, die durch Heirat deutscher Politiker mit
polnischen Frauen dieses Land unterwandern wollen. Die Sekte
spezialisierte sich auf das Züchten von Plastiktieren, die später zwischen
den Brüsten der Frauen heranwachsen. Sie ließ den Betrachter in eine Welt
stolpern, die ihm dank der Medien sehr vertraut erscheint, dennoch so weit
weg ist, kalt und hart wirkt. Abstrus und erbarmungslos geht es dort zu.
Ihre präzise gezeichneten und unmittelbar körperlich stark präsenten
Gestalten irren auf dem Schlachtfeld des geschlechtsnormierten
Überlebenskampfes hin und her – immer in bedrohlicher Nähe einer
Katastrophe.
Im Comic »Morgenröte« erleben Linda und
Lorna unter dem Zwischentitel die »Periodiker« sexuell gefärbte Abenteuer
im Kampf mit patriarchalischen Terroristen, die seit der Einführung der
Sterilität Wurfattentate mit blutigen Tampons begehen. In einem
eigenwilligen Kleid aus kondomähnlichen Gebilden und mit grünem Mundschutz
fordern sie die Wiederherstellung der natürlichen Fortpflanzung und haben
das Matriarchat des Philosophengeschwaders gegen sich. Sie sprühen mit
Spermagas auf die weiblichen Geschlechtsorgane, machen sich dadurch noch
hassenswerter und fast alle Frauen zu Gegnern. In eben diesem Augenblick,
als Linda und Lorna aufgeregt plauschen, wird ihre aktuellste böse Tat
verkündet: sie warfen auf eine Werbetafel blutige Tampons. Nun beginnt die
Jagd und der Täter wird zur Strecke gebracht. Das Geplauder kann
weitergehen. Nietzsche, der Frauendurchschauer und -züchtiger, ist
tragischer Weise zu einem Tattoo auf einer Frauenschulter erstarrt und im
Café Schwerkraft verkündet ein Werbespot die Vorteile eines Röntgenslips:«
Wenn Mannes Glied Dir Ärger macht, dann hilft Dir X-RAY Röntgentracht«.
Zwischendurch erfahren wir die traurige Wahrheit, dass Liebe einsam macht.
Ganz den mehrschichtigen Comic-Zeitebenen folgend, wird jetzt im Labor der
Biologin Madame Curie die Aufforderung ausgesandt, zum Seminar Fe.ma.Le zu
gehen. (Dahinter verbirgt sich die unbelehrbare Fraktion zur Erhaltung
maskuliner Lebensformen.) Linda und Lorna lassen sich so etwas nicht
bieten und entführen diese Wissenschaftlerin. Fazit: keine Forschung,
keine Probleme mit der anderen Hälfte des Menschengeschlechts?
Armin Hauer
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