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Selbstbildnis · 1924 Käthe Kollwitz ist wohl die berühmteste Künstlerin des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Gerade ihre Gratwanderung zwischen den Gestaltfindungen dieser beiden Jahrhunderte ließ ein Werk entstehen, das fernab vom propagandistischen Rebellentum der Moderne angesiedelt blieb und dennoch als wesentlicher Bestandteil der modernen Kunst anzusehen ist.
Geprägt wurde die 1867 und damit 3
Jahre vor dem Deutsch-Französischen Krieg und der daraus resultierenden
Reichsgründung geborene Käthe Schmidt zum einen vom christlichen Glauben
bzw. durch sozialistisch-humanistische Vorstellungen innerhalb ihrer
Familie. Zum anderen bestätigten sie künstlerische Vorbilder bei der
Selbstfindung. Dabei interessierten Käthe Kollwitz vor allem
Schriftsteller wie Emile Zola oder in besonderem Maße Gerhart Hauptmann
ebenso wie das graphische Werk von Max Klinger. Diese verband bei aller
Unterschiedlichkeit die sprachliche bzw. bildkünstlerische Reflexion von
gesellschaftlichen Umbrüchen, wie sie die Industrialisierung mit sich
brachte. Darüber hinaus fanden sie hierfür eine angemessene, d.h. der
herrschenden Kunstdoktrin widersprechende Gestaltungsweise. Nicht zuletzt
erlebte die Künstlerin seit 1891 im Berliner Norden als junge Ehefrau des
Kassenarztes Dr. Carl Kollwitz die Folgeerscheinungen der
Industrialisierung wie z.B. Prostitution, Krankheit und eine hohe
Sterblichkeit durch dessen Patienten hautnah mit. So ist es auch
verständlich, dass es die Momente von Schmerz und Trauer sind, die von
wenigen Ausnahmen abgesehen ihr gesamtes Werk bestimmen. Doch es war weder
eine bürgerliche Mitleidposition«13, noch lässt sich Käthe Kollwitz aus
einem anders positionierten und ebenfalls eingeengten Blickwinkel allein
als »soziale Künstlerin« abstempeln. So bekannte sie: »Das eigentliche
Motiv aber, warum ich… zur Darstellung fast nur das Arbeitsleben wählte,
war, weil die aus dieser Sphäre gewählten Motive mir einfach und
bedingungslos das gaben, was ich als schön empfand …schön war die
Großzügigkeit der Bewegungen im Volke.«14 Dabei ist es immer wieder die
Frau, die schon im Schaffen Klingers eine wichtige, bei Käthe Kollwitz
eine zentrale Rolle spielt. Sie ist auf Zeichnungen ebenso wie auf
Radierungen, Lithografien und Holzschnitten sowohl Aufrührerin als auch
Trösterin und Fürsorgende, aber sie ist auch Leittragende und Opfer. Das
wird an den grafischen Zyklen wie z.B. »Ein Weberaufstand« (1897),
»Bauernkrieg« (1902–1908) oder »Krieg« (1922/23) ebenso erkennbar wie an
ihren Einzelblättern. Hier sind es vor allem die Selbstbildnisse, die
seismographisch die augenblickliche seelische Verfassung der Künstlerin
nachvollziehbar festhalten. Eine erstaunliche Fülle, d.h. über 100
Blätter, weist Otto Nagel in seinem Buch »Die Selbstbildnisse der Käthe
Kollwitz«15 nach. Ob als Studentin oder wie bei unserem Blatt, das die
Künstlerin im Alter von 57 Jahren zeigt, immer handelt es sich um eine
stille, nachdenkliche und kritische Reflexion des eigenen Selbst. Durchaus
zu Recht bezeichnete Otto Nagel jedoch die vorgestellte Lithografie als
ihr »vielleicht schönstes Selbstbildnis«.«16 Hier zeichnet sie allein ihr
Antlitz ohne das sonst schmückende Beiwerk der Haare mit äußerster
malerischer Sensibilität. Wissend mitfühlendes Verstehen zeichnet dabei
den kritisch durchdringenden Blick der Künstlerin aus. Herbe
Ernsthaftigkeit und Askese, die viele ihrer Selbstbildnisse prägen
sollten, sind zwar auch in unserem Blatt zu finden, werden aber durch die
weiche Kreide in einen spannungsvollen Dialog hierzu gebracht. Käthe
Kollwitz war zu dieser Zeit nicht nur äußerst produktiv, sondern zugleich
auch sehr anerkannt. So wurde sie bereits 1919 als erstes weibliches
Mitglied in die Preußische Akademie der Künste berufen und zur Professorin
ernannt. Obwohl sie die Kraft für ihre Arbeit vor allem aus dem
künstlerischen Schaffen selbst zog, war auch die Anerkennung, die sie
genoss, ein nicht unbedeutender Faktor. So bekennt Käthe Kollwitz 1925:
»Ich für mein Teil kann deutlich an mir spüren, wie sehr ich fortlaufende
Achtungsbezeugungen der Umwelt brauche. Ein Versiegen meines Namens würde
mich wohl sehr niederdrücken… Wie schauderhaft muss Künstlern zumute sein,
die ohne Widerhall arbeiten.«17 |
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