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Aus der Folge »Feierabendheim«: Schlaflos (I) · 1978 »Ich gehöre zu den anachronistischen Menschen, die immer noch Geschichten erzählen wollen.«219 Mit diesem Satz beschreibt der nun über Fünfzigjährige eine Maxime, welche schon vor über fünfundzwanzig Jahren am Beginn seiner künstlerischen Laufbahn Gültigkeit hatte. Zusammen mit Hubertus Giebe (1953) und Walter Libuda (1950) galten sie als die jungen Expressiven der DDR, die sich der Realität mittels einer hochartifiziellen Expressivität und einem subjektivistischen Deutungsszenario zuwandten. Er war wohl in dieser »Troika der staatlich anerkannten Wilden« der existenzialistisch veranlagte Grübler. Und derjenige, der es aufgrund seine Biografie am schwersten hatte, sich künstlerisch zu finden, ohne mit der Abnabelung von der strengen Vaterfigur (Bernhard Heisig [1925]) sogleich auch das bei ihm Erlernte über Bord zu werfen. Die vermittelte Traditionslinie Adolph von Menzel (1815–1905), Oskar Kokoschka (1886–1980) und Max Beckmann (1884–1950) und die generell in Leipzig an der Hochschule vorherrschende Auffassung von einer Kunst, die figurativ, erzählerisch und voller Alltagserfahrungen sein kann, fanden bei ihm fruchtbaren Boden. In der Grafik und in der Ölmalerei wandte er sich dem Porträt, der Landschaft, dem Stillleben und den Welt-Theaterszenarien zu. Die beobachtete Realität durchläuft in seinen farbschichtigen Bildern verschiedene Gestaltungsstufen, die nicht selten zu Übermalungen und Auslöschungen des bereits Angelegten führen können, um schließlich zu beunruhigend-dramatischen Konstellationen zu gelangen. Seine Bilder absorbieren Ahnungen vom gesellschaftlich Konkreten und verweben es mit dem Psychischen zu Metaphern auf das Agieren und Reagieren in einer Welt voller widersprüchlicher Unwägbarkeiten. Diese sich hinter den unendlichen Schichten von Selbsttäuschung und -schutz verbergenden Hoffnungen und Ängsten legt er frei. Sie fließen in eine bald als apokalyptisch zu bezeichnende Atmosphäre des Ultimativen ein. Sein expressiver Gestus beruhigt sich hin und wieder, wandelt sich auch schon mal zu einem erregten Impressionismus, wenn er sich der Landschaft und dem Stillleben zuwendet. Jedoch gilt auch dort: fast immer obsiegt das Faszinosum des Vergänglichen und des Vergehens als auch die lustvoll-konfliktreiche Konfrontation von Kulturellem mit dem Natürlichen.
Die Folge Feierabendheim zeichnete er
mit fünfundzwanzig Jahren. Die vier Blätter verleugnen nicht ihre
stilistische Verortung in der Handschrift des Vaters. Doch darin
erschöpfen sich die bemerkenswerten Schilderungen in einem
DDR-Feierabendheim nicht. Johannes Heisig widmete sich einem Thema, das in
der DDR gern tabuisiert oder in den wenigen offiziellen Massenmedien ganz
einfach falsch dargestellt wurde. Denn die Rentner im Sozialismus zählten
zu den staatlicherseits sozial am schlechtesten behandelten Personen. Die
Renten waren in der Regel knapp bemessen, das zwang zum Dazuverdienen
(Arbeitsverhältnisse bis ins hohe Alter), zum Aufbrauchen des Ersparten
oder, nicht ungern gesehen, zur Aufgabe der DDR-Staatsbürgerschaft und zum
Umzug in das westliche Deutschland. Wer keinen Partner mehr hatte, sich
nicht mehr selbst behelfen konnte und dessen Familie ihm keine
Unterstützung war, versuchte einen Platz in einem Altersheim – genannt
auch Feierabendheim – zu ergattern. Hat man ihn nun nach einer längeren
Wartezeit erhalten, dann war der Platz alles andere als einer an der
Sonne. Die dortigen Zustände waren in der Regel mehr als mangelhaft. Doch
offiziell durfte diese Realität der Tristesse und des Erwartens des Todes
nicht sein. Auch ein heute gern verbreitetes Bild vom feierwütigen und
rüstigen Rentner im Schoße der schönen Altersheime bestimmte die
offizielle Berichterstattung. Die dort überwiegend herrschende Einsamkeit
der Bewohner, ihre schlechte medizinische Betreuung, die unzureichenden
Ausstattungen der Zimmer und Aufenthaltsräume, generell die desolaten
Zustände der Häuser an sich – all diese Tatsachen drangen zunächst
allmählich in Form von Literatur, Fotografie und Zeichnungen in den
Achtzigern ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, ohne jedoch für großartige
Veränderungen zu sorgen. Johannes Heisig gehört also mit zu denen, die
sich (aus welchen persönlichen Gründen auch immer) mit diesen
Lebenssituationen der Alten auseinander setzten. Er schildert
Begebenheiten und physische Zustände in den vier Blättern: »Schlaflos«,
»…bis bald« (eine uns abgewandte Frau geht nach links aus dem Bild, hinter
ihrem Rücken erscheint ein freundliches Gesicht einer Frau hinter einer
Tür), »Nachmittag im Heim« (ein Mann mit kastigem Kopf und großen Händen
sieht in einen Vogelkäfig) und im letzten Blatt beobachten wir, wie ein
alter Mann am leeren Bett ein Kleidungsstück anhebt – die Lithografie
trägt den Titel: »Nachlass«. |
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