|
|
|||
|
|||
|
Der Alptraum, Blatt 2 aus dem Zyklus Wer sich an eine Ausstellung mit Arbeiten von Bernhard Heisig erinnert, wird wohl nicht zuerst an die Selbstbildnisse, die Darstellungen der Mutter oder die Gemälde und Grafiken von Freunden und Bekannten oder Politikern denken. Aber auch Landschaften und Interieurs werden nicht so nachdrücklich im Gedächtnis haften bleiben wie seine großformatigen Simultandarstellungen. In ihnen setzte sich der Künstler über Jahrzehnte mit dem historischen Konfliktpotenzial der Macht auseinander. Polare Gegensätze von Leben und Tod, Gewalt und hilflosem Ausgesetztsein werden hier in Bezug zu historischen Ereignissen gesetzt und in all ihrem Facettenreichtum miteinander konfrontiert. Oft tritt dabei die Grafik, in der Heisig Einmaliges geleistet hat, ungerechtfertigterweise in den Hintergrund. Doch gerade mit ihr war er durch seine Ausbildung, die Dozentur und nachfolgende Leitung der Abteilung Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig auf das Engste verbunden. Davon künden die grafischen Zyklen wie »Der Krieg« (1956), »Die Pariser Kommune« (1958/59) oder die Blattfolge »Der faschistische Alptraum« (1965/66). Diese können als Vorläufer bzw. Dialogpartner für seine großformatigen Gemälde angesehen werden. Doch unabhängig von der Technik ist es das jeweilige Thema, das von dem bekennenden Dialektiker immer wieder so vielschichtig hinterfragt wird, dass sowohl die zahlreichen Fassungen als auch ein vielfaches Überarbeiten der einzelnen Werke die Folge hiervon sind.
Die Auseinandersetzung mit den Themen
Krieg und Gewalt finden mit der Arbeit zum »Faschistischen Alptraum« ihren
Höhepunkt, was nicht zuletzt auf das eigene Betroffensein des Künstlers
zurückzuführen ist. So wurde Heisig bereits als 17-Jähriger der 12.
SS-Panzer-Division »Hitler-Jugend« zugeteilt. Verletzt und erneut
kriegstauglich nahm er nun an den Kämpfen um die Festung Breslau teil,
wurde wieder verwundet und gelangte schließlich in sowjetische
Kriegsgefangenschaft. Doch das Morden und die Qual der Leiden, die Frage
von Schuld und Sühne, die Abgrenzung und das aufeinander Bezogensein von
Tätern und Opfern sowie die eigene Schuld als Beteiligter im Krieg war
nicht aus dem Gedächtnis Heisigs zu verdrängen. »Neben der Möglichkeit,
einen Bildstoff grafisch formulieren zu können, wollte ich mir auch über
eine Bewusstseinslage klar werden, in der ich mich damals und mit mir
viele meiner Generation befanden«98, bekennt der Künstler. Er fühle sich
zum Anklagen nicht berechtigt. »Tatsächlich ist aber meine Art zu leben,
also auch zu arbeiten, von dem beeinflusst, was mich beunruhigt. Weniger
von dem, was mich beglückt«99, führt er erklärend aus. Diese beunruhigende
Dramatik, von der alle Blätter der Folge durchdrungen sind, wird von
Heisig aber nicht durch Kampfhandlungen nachvollziehbar gemacht, sondern
vielmehr handelt es sich bei allen 35 Lithografien um Reflexionen nach
zeitlichem Abstand. Der Einzelne als Schinder oder Geschundener ist in
seinem Ausgeliefertsein und seiner Anonymität hier ebenso anzutreffen wie
die nicht zu differenzierende Masse. Beide stellt der Künstler in ihrem
aufeinander Bezogensein dar. So auch auf dem ersten Blatt der Folge, das
dieser den Titel gab. Mit der weichen Lithokreide zeichnete er hier
detailliert, überzeichnete bzw. verwischte die Details und bündelte sie zu
malerischen Strukturen, so dass die schützende Oberflächenhaut von Mensch
und Gegenstand entfernt zu sein scheint. Der Gestaltungsweise entspricht
der Inhalt des Blattes »Alptraum«, wo sich ein bizarres Wesen von
krakenhafter Gestalt, das zugleich aber auch an das Wrack eines Panzers
erinnert, in bedrängender Aggressivität über eine Gruppe von hilflos
agierenden Menschenleibern wälzt. Es schiebt sich mit diesen auf die
schreiend verstümmelte Gestalt eines Mannes im Bildvordergrund zu, der
hilflos dem Geschehen ausgeliefert ist. Durch die Überfülle der Figuren
sowie das Verschieben und Verflechten der Handlungsräume erhält die
Irrealität des Alptraums zugleich bedrängende Nähe, der auch der
Betrachter nicht zu entfliehen vermag. |
|||
|
|
|||
|
|