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Ligurische Sonnen I, III, IV Seit Jahrhunderten wirken Italienaufenthalte anregend auf das Schaffen von Schriftstellern und Künstlern. Johann Wolfgang von Goethe, einer der prominentesten unter ihnen, versuchte hier seine blockierte literarische Kreativität durch einen radikalen politischen wie geografischen »Klimawechsel« wieder aufzufrischen, ohne Rechenschaft darüber ablegen zu müssen. Mögen diese Gründe für Jürgen Hartmann nach dem Zusammenbruch der DDR unterschwellig ebenfalls Auslöser für seine kontinuierlichen Italienaufenthalte seit 1991 gewesen sein, so kam bei ihm wie bei vielen anderen die Sehnsucht nach der Wärme und Farbenpracht des Südens hinzu. Doch sein Interesse während dieser Aufenthalte richtete sich weniger auf die Kunst von Renaissance und Barock, noch war die Antike der Dialogpartner für sein Schaffen. Vielmehr fand Hartmann in dem kunsthistorisch kaum beachteten kleinen Ort Imperia in Ligurien, Straßen, Bauten und Gegenstände vor, die den Geist einer gewachsenen Kultur von Jahrhunderten ahnen ließen. Doch wie konnte man diesen Zauber von optisch nachvollziehbarer Geschichte, die sich auch in scheinbar Nebensächlichem offenbarte, in das eigene Schaffen einfließen lassen? Seit Beginn seiner Tätigkeit als freischaffender Künstler hatte Hartmann gezeichnet. Doch spielte die Arbeit mit Bleistift, Kohle und Kreide bis zu seinem Italienaufenthalt immer eine untergeordnete Rolle. So war es bis 1985 die Holzskulptur, auf die er das Hauptaugenmerk lenkte. Seitdem entstanden vor allem Arbeiten für den öffentlichen Raum, wobei er neben Holz, Stahl und Stein, Schiefer einsetzte, um mit seinen Kunstobjekten spannungsvolle Zeichen im Innen- und Außenraum zu setzen. Um den notwendigen Broterwerb sicherzustellen und bei seinen Gestaltungen möglichst unabhängig zu sein, erarbeitete der Künstler parallel hierzu Konzepte für überregionale Ausstellungen. All das mag seinen Blick geschult haben, im Alltäglichen das Außergewöhnliche zu entdecken und den Wunsch bestärkt haben, unabhängig von allen Vorgaben zu arbeiten.
In Italien ließ sich dieses Wollen für
Hartmann am besten umsetzen. Hier konnte er frei von den Mühen der Ebenen
des pulsierenden Kunstbetriebes in der Bundesrepublik im entspannten
Abstand vom häuslichen Alltag arbeiten. Angeregt von der Architektur und
religiösen Objekten im ligurischen Hinterland setzte nun bei ihm ein
Arbeitsprozess ein, bei dem sich die objektiv technisch vermittelte Sicht
mit einem subjektiv spielerischen Gestaltungsvorgang verband. So
fotografierte der Künstler, »scennte und überzeichnete das Entstandene
mehrfach bis zu einem für eine Großkopie akzeptablen Resultat. Danach
wurden die Blätter auf einen alten Mühlstein gespannt und mit Farbpigment
eingerieben.«201 Die Basis der Folge »Ligurische Sonnen«, welche bisher 12
Zeichnungen umfasst, bildet immer wieder ein Tondo, das die Horizontale
der Papierfläche fast völlig ausfüllt. Seine strukturiert aquarellartige
Pigmentfläche von gesättigtem Umbra lässt dabei an die Atmosphäre des
Landes mit der Summe seiner Besonderheiten denken. Jeweils ein Motiv, wie
eine alte Gasse, ein Madonnenschrein oder der Blick in eine Kirchenruine,
steht dabei in sehr zurückgenommener und oft nur angedeuteter Formulierung
im Zentrum des Blattes. Doch wurde das Dargestellte nicht allein in seinen
Größenverhältnissen der Gestaltungsabsicht des Künstlers unterworfen und
damit subjektiv verändert. Symbole wie das Kreuz wurden ebenso wie Schrift
oder Schemen einer Figur andeutend hinzugefügt, wobei anderseits auf real
Vorhandenes bewusst verzichtet wurde. Nicht zuletzt entstanden so
vielschichtig auszudeutende, sensibel und zugleich kraftvoll gestaltete
Blätter. Von der geheimnisvollen Atmosphäre, die die deutschen Romantiker
an Italien faszinieren sollte, sind die vorgestellten Arbeiten ebenso
durchdrungen wie von unserem heutigen Lebensgefühl, welches nicht zuletzt
auch dadurch gekennzeichnet ist, dass sich die Schönheit des Seins oft
erst im Blick zurück erschließt, »im Augenblick des Innewerdens des
Verlusts eines Ortes«.202 |
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