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Das schlechte Gewissen · 1981 Grimmling ist ein politisch denkender Mensch im besten Sinne des Wortes. Zum künstlerischen Selbstfindungsprozess, der von ihm bewusst nie abgeschlossen wird, braucht er den Dialog von innerer und äußerer Welt. Immer wieder von neuem versucht der Künstler diesen vorbehaltlos und ohne Zugeständnisse zu führen, im privaten wie im gesellschaftlichen Bereich und findet dabei ein Konfliktpotenzial vor, dem er einen adäquaten künstlerischen Ausdruck zu geben versteht. So sträubt sich seine Mentalität gegen Bevormundung und Eingrenzung ebenso, wie selbstbeschränkendes Wohlverhalten für ihn unerträglich ist. Diese Eigenschaften waren und sind nicht gerade hilfreich, wenn man medienwirksam als Künstler in der DDR, aber auch in der Bundesrepublik, respektiert werden will. Grimmling jedoch zog sich in beiden Systemen nie vom dissonanten Welt- und Alltagsgeschehen zurück und ließ sich weder vom Staat noch vom Kunstmarkt manipulierend vereinnahmen. Der Künstler kann einfach nicht anders, er sucht die Konfrontation mit den Mächtigen wie Ohnmächtigen und er provoziert. Doch nicht allein das staatliche oder privatwirtschaftliche Gegenüber, auch die eigene Person wird kritisch und schonungslos hinterfragt. Diesen schmerzhaften Prozess machte er in seinem Schaffen produktiv. So flossen Zorn, Wut und Schmerz, aber auch Angst und Hilflosigkeit, begleitet von einer nie versiegenden Kraft vermittelt über die künstlerische Handschrift, seismographisch in das jeweilige Werk ein. Noch unmittelbarer als in der Malerei wird sein Zeitempfinden in den frühen Zeichnungen erkennbar. Zum einen ist es die unverstellte Intimität des Blicks, mit dem er die erotisch kraftvoll sich darbietenden weiblichen Körper zelebriert und auf ihre Kreatürlichkeit zurückführt. Zum anderen sind es die gesellschaftsrelevanten Fragestellungen, die er am menschlichen Körper optisch nachvollziehbar macht. In diesem Zusammenhang bekannte der Künstler 1982/83: »Meine Träume sind schwarz- weiß, meine Vorstellung von Bildern selten farbig. Ich denke an Formen, an Bewegungen. Ich inszeniere im Kopf mit Formen – immer mit Körperteilen… Ich baue eine Dramaturgie mit Armen und Beinen, aber ich will immer eine Handlung verhindern. Gesehenes kann ich nicht bewusst umsetzen. Das ist mein Konflikt zwischen draußen und mir – unter diesem Zwang arbeite ich gern. Beim Malen scheine ich einen Zustand der Lösung zu schaffen. So sind meine Gedanken ohne eigentliche Natur.«192
An der großformatigen Kohlezeichnung
»Das schlechte Gewissen« lässt sich das Gesagte reflektieren. Auch hier
wieder wurde der Absturz ins Bodenlose, verbunden mit dem Versuch, sich
schützend abzufedern, von ihm als Bildmetapher gewählt. Doch nicht allein
die ins allgemeinmenschliche und politische zu transponierende Aussage
fasziniert, sondern vielmehr die Fähigkeit des 40-Jährigen, für die
personifizierte Ignoranz und die damit verbundene Gefahr ebenso wie für
persönliches Unvermögen eine Form gefunden zu haben. Darüber hinaus
konfrontierte uns der Künstler aber auch mit der anderen Seite
menschlicher Abgründe und stellt dem Hilflosigkeit sowie das
Ausgeliefertsein an eine Übermacht auf der anderen Seite gegenüber. Die
Selbstverknotung der Gliedmaßen der Figur, die eine Vergitterung des
Bildraumes nach sich zieht, ebenso wie die Anschnitte verbunden mit der
Nahsicht des Körpers, sorgen für die dramatische Unausweichlichkeit des
Geschehens. Die kraftvoll konsequente Strichsetzung des architektonischen
Körpergerüstes im Dialog mit dem strukturierten Grund weisen auch bei
dieser Zeichnung auf den malerischen Grundkonsens seiner Handschrift hin.
So wird allein durch die Formensprache und Kompositionsweise auch bei
diesem Blatt das Chaos einer Welt deutlich gemacht, in der
Binsenweisheiten keine Gültigkeit mehr besitzen. In ihr wird die Kreatur
existenziellen Bedingungen unterworfen, vor denen es kein Ausweichen gibt.
Nicht zuletzt drückt sich hier ein für die moderne Kunst typisches
Lebensgefühl aus, was sowohl das Ausgeliefertsein des Einzelnen als auch
seine Mitschuld an der Hilf- und Heimatlosigkeit und letztlich seine
Unfreiheit signalisiert. |
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