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Selbst im Feuer Lutz Friedel ist in erster Linie Maler. Aber auch Zeichnungen, denen er einst und jetzt wenig Bedeutung beimisst, sind nicht nur zahlreich im Atelier zu finden, sondern sie besitzen auch eine hohe ästhetische Qualität. Wie ist die Differenz zwischen Fremd- und Selbsteinschätzung bei ihm zu verstehen? Friedel ist ein politisch denkender Mensch. Er ist kritisch, findet sich mit Gegebenem nicht einfach ab und ist dazu auch noch Realist. Sicherlich untertreibend in Bezug auf die Beurteilung der eigenen Arbeit, nimmt er die ihn umgebende Welt sehr bewusst war und bildet sich seine Meinung unabhängig von der Wertung anderer. Vor allem aber zieht er aus dem Erkannten die Konsequenzen für sich und sein Werk. Da wundert es nicht, dass großformatige Triptychen wie »Gewitterwand«, »Zusammenstoß der Rolltreppen-Karambolage« oder »Untergang der Titanic«, die zwischen 1978 und 1983 entstanden, unverkennbar Katastrophen- bzw. Endzeitstimmung erkennbar werden lassen. Diese expressiv kraftvoll gemalten Bilder aus einer »bleiernen Zeit« drücken ein Lebensgefühl aus, das unmissverständlich politisch gemeint war. So hätte seit dem Prager Frühling, aber spätestens nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns für jeden erkennbar sein müssen, dass mit einer Demokratisierung der DDR nicht zu rechnen gewesen sei, bekennt der Künstler. Als Konsequenz dieser Erkenntnis reiste Friedel 1985 aus der DDR aus.
Wenn von nun an die Figur in der
Malerei in den Hintergrund des Interesses treten sollte, war sie in der
Holzskulptur zu finden, die vom Künstler als neuer Ausdrucksträger
hinzugewonnen wurde. Doch nicht allein hier, auch in der Zeichnung steht
das Kopffragment im Mittelpunkt von Friedels Interesse. Das wird besonders
an den Plakatübermalungen von 2002 für eine Ausstellung auf Schloss Burgk
erkennbar. Die Schrift »Aus Schwarz. Lutz Friedel. Holzskulpturen« umrahmt
den Kopf jeweils einer der Arbeiten. Mit Ölfarbe wurden diese nun unter
der ironisch hintergründigen Überschrift »103 Möglichkeiten die Zeit
totzuschlagen – meine Selbstporträts zwischen 1635 und 2003« übermalt.
Aber nicht nur der Ausstellungstitel weist eine Vielfalt von
Assoziationsebenen und Bezugspunkten zum Schaffen von Friedel auf.
Vielmehr stellt der Künstler sein Werk in Vergangenheit und Gegenwart
bewusst in eine Traditionslinie. Waren es in der Malerei vor allem
Velasquez, Delacroix und Beckmann, zu deren Gemälden er Adaptionen in der
Unverkennbarkeit seiner Handschrift schuf, wird das Spektrum bei den
Übermalungen noch erweitert. Hier sind es Mörder und Tyrann ebenso wie
Schauspieler, Künstler und Modemacher oder Politiker, die bis hin zum
personifizierten Tod eine Symbiose von Selbst- und Fremdbild deutlich
werden lassen. Die aggressive Kraft, die dem Duktus seiner Malerei in der
DDR anhaftete, ist bei der Folge von Zeichnungen durchaus nicht verloren
gegangen. So lassen sich folgende Worte des Künstlers auch auf sie
beziehen: »Ich muss etwas zerstören, übermalen, … aus einer sonnigen
Landschaft eine Gewitterlandschaft malen, aus der dann wieder eine sonnige
wird.«199 Doch bei allen Veränderungen kommt der Farbe Schwarz eine
konstante Rolle und Bedeutung zu. Malerisch strukturiert und dennoch
undurchdringlich bildet sie den Fond, aus der sich schemenhaft das Antlitz
»Selbst im Feuer« abhebt. Im zeit- und ortlosen Raum ist diese Darstellung
angesiedelt, wobei Angst, Schmerz sowie Todesnähe und Trauer hier ebenso
eine Personifikation erfahren haben wie erduldendes Ausgeliefertsein
assoziierbar ist. Gerade bei dieser umfangreichen Blattfolge wird der
Facettenreichtum im Ausdruck erkennbar, ebenso wie die ungebrochene Lust
und der Wille, malend zu gestalten. Hinzu tritt die unvoreingenommene
Neugier, verbunden mit dem Selbstbewusstsein, welches dem Zufall Platz
einräumt, um bisher unerprobte künstlerische Wege zu gehen. Nicht zuletzt
prägt das Zusammenspiel dieser Momente die Arbeit von Friedel, die
zwischen handwerklicher Tradition und Originalität angesiedelt ist und
immer wieder Ansatzpunkte des nicht Vorhersehbaren in sich birgt. |
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