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Aus der Mappe »Grafik von Bildhauern«:
Paar I · 1978
Beide Pole des menschlichen
Ausgeliefertseins – Thanatos115 und Eros – bestimmen schon früh das Werk
des Bildhauers. So beseelt in seinem Empfinden die Faszination des Eros
die Beziehungen zwischen Mann und Frau. Sie führt bei ihm zu verhaltenen,
dennoch nicht konfliktfreien Symbiosen. In einer Sandsteinskulptur von
1974 zum Beispiel gehen beide ineinander über, sie ergeben einen
poetischen Einblick in eine anthropomorphe Felsformation, die gleichsam
Regen und Wind über Jahrhunderte weich zeichneten. Dagegen deutet und
ersieht er in dem 1974 begonnenen und im Jahr 1985 beendete Zeichenzyklus
»Labyrinth« in den surreal-phantastischen Felsen des Sächsischen
Elbsandsteingebirges Vergehendes gleichnishaft als vom Eros geprägt
Menschliches. Die wirklich einzigartigen, die Fantasie erweckenden Gebilde
werden auch für Wieland Förster zum Tor für einen fabulierenden Ausritt in
das verlorene Land romantischer Naturverehrung. Es formieren sich auf dem
Papier fragil-monumentale Vexierbilder im Zwischenreich von Felsfigurinen
und entblößten Leibern. Sie assoziieren wiederum eine arkadische,
urmythische Mischform aus der körperlichen Einsamkeit des Menschen und der
Ganzheitlichkeit von Natur. Im 1988 veröffentlichten Arbeitstagebuch ist
im Eintrag vom 18.X.78 unter anderem zu lesen: »Landschaft mit
Zeugungsmerkmalen (Labyrinth) beendet. In ihr nun ganz deutlich, dass im
ganzen Zyklus auch eine erotische Seite mitschwingt. Im Leben besteht doch
wohl ein wesentlicher Teil der Erotik aus der Sehnsucht, das Unbekannte zu
enthüllen. Neu-Gier, Gier auf Neues. Deshalb auch die ›unerotischen‹
Motive für den Künstler tief erotisch; sonst keine Kunst.«116
Stets durchzieht diese Ambivalenz aus
unmittelbarer spröder Nähe und sinnlicher Entrücktheit sein in Deutschland
einmaliges zeichnerisches Werk, das weit über das für den Bildhauer
übliche Aktzeichnen hinausreicht. Förster, der ebenso in Erzählungen,
Tagebuchaufzeichnungen und Essays feinste Nuancierungen zwischen den
Ereignissen sowie den Menschen aufspürt, sieht in der Figur einen Kosmos
des Innen und Außen angelegt: Triebhaftes sowie aufgebürdet Existenzielles
werden zum durchgeistigten Physischen. Mit seismographischem Gespür für
Zwischentöne und mit ambivalenten tektonischen Strukturen nimmt er für
seinen Beitrag »Paar I« zu einer Mappe »Grafik von Bildhauern«117 Bezug
auf eine Folge von Bleistiftzeichnungen. Mit der weichen Lithokreide wird
grelles Licht und fahler Schatten auf den horizontal lagernden Frauentorso
und auf den sich wie ein Abhang gebenden Männertorso geworfen.
Zeichnerisches und Malerisches ergänzen einander und bestimmen den
elegischen Rhythmus des Blattes. Auf ihm verschmelzen beide Fragmente zu
einer Felswand – Hüfte und Oberschenkelsilhouette sperren den Einblick in
den Tiefenraum ab. Unsere Blicke müssen immer wieder in das »Tal aus Lust
und Gier« fallen. Mann und Frau sind nun ein Leib, der sich zunächst
schutzlos preisgibt, um sich vor unseren Augen in Gräben, Rinnen,
Schluchten sowie pittoreske Felsformationen zu verwandeln. Sie nehmen ihn
auf – schützen ihn. |
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