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Hans Scheib gehört zu jener fast
ausgestorbenen Spezies von Künstlern, die auch bei wiederholtem
Zusammentreffen mit dem Werk immer wieder in Erstaunen zu setzen und
zugleich Freude am so noch nie Gesehenen und grandios Gestalteten
hervorzurufen vermag. Mit unseren Ausstellungen an drei Orten
wollen wir auf diese zum Teil radikale Unterschiedlichkeit seiner
Arbeiten näher eingehen. In der Rathaushalle werden farbige
Skulpturen aus dem Zeitraum von 1980 bis 2005 vorgestellt und im
sich daran anschließenden Festsaal sind Plastiken aus den Jahren
1986 bis 2008. Erstaunlich ist, das es Scheib bei so konventionellen
Materialien wie Holz und Bronze immer wieder gelang, zum „Erfinder,
nicht (zum) Nachahmer“ zu werden. So wird bei seinen Skulpturen
durch das Aufzeichnen mit dem breiten Pinsel auf das Holz und das
Abschlagen mit Stechbeitel und Schnitzeisen im Wechsel mit der
schnell arbeitenden Kettensäge eine Synthese von Farbe und Form
erreicht. |
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♂/♀ (männlich/weiblich),1980,
Holz,
Farbe, Besitz Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne Kunst,
je 20 x 30 x 30 cm |
Amazone, 1987, Holz,
Farbe,
108 x 217 x 85 cm |
Junge Frau, 1987, Holz,
Farbe,
158 x 170 x 100 cm |
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Vor allem aber ist es seine geistige
Beweglichkeit, die sich mit materieller Experimentierfreude ebenso paart
wie mit dem Willen, neue und damit nicht abgesicherte Wege zu gehen, so
dass als Folge davon jedes seiner Werke als Solitär bezeichnet werden
kann. Letztlich scheint diese Arbeitsmethode auf die
Unberechenbarkeit der Künstlerpersönlichkeit zurückzuführen sein, die
sich keinen Vorgaben fügt und so auch frei vom Diktat des Stammes
gestaltet, wenn erforderlich Elemente anfügt bzw. einsetzt. So greifen
seine Figuren und Tiere, je nach dem wie es Scheib angemessen erscheint,
in den Raum oder bleiben dem Stamm verhaftet. Aber auch wenn sie still
stehen und in sich hinein zu horchen scheinen, ist ein Fixieren von
Bewegung immer feststellbar, sei sie nun durch Gestik und Körpersprache
oder seine expressive Farbigkeit hervorgerufen. Ob es nun unsere Angst
oder Aggressivität und Trauer um das eigene Unvermögen sind, oder die
Anerkennung unserer Unvollkommenheit und Schwäche, möglicherweise auch
unserer Schamlosigkeit bzw. die Leiden am Erwachsenwerden - all das
vermag Scheibs Gestaltungsvermögen ebenso zum Ausdruck zu bringen wie
unsere Vitalität, Sinnlichkeit und Grazie oder die Lust am Leben. |
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Auf Böcklin, 1995, Holz,
Farbe,
210 x 130 x 95 cm |
Jette zu Pferd IV, 1996,
Holz, Farbe,
260 x 115 x 75 cm |
Pygmalion, 2004, Holz,
Farbe,
63 x 45 x 33 cm |
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Diesen existenziell zeitlosen
Eigenschaften weiß er aber zugleich eine Verortung im Hier und Heute
abzugewinnen, wobei seinen Gestaltfindungen nicht selten ein
tragikomi-sches Moment, eine Prise ironischer Distanz
innewohnt.
Diese Charakterisierung seiner Skulpturen trifft auch auf
seine Bronzen zu. Dennoch erzeugt das Material Metall im Vergleich
mit dem Holz eine größere Distanz und Kühle gegenüber dem
Betrachter. Diese wird zum Teil aber wieder durch eine malerisch
bewegte Ober-fläche in Frage gestellt oder durch eine differenziert
angelegte Patina bzw. durch das teilweise bemalen mit Ölfarbe
zu einer polychromen Haut umgewandelt. |
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Raub der Europa,
2009, Bronze, 39,5 x 19,5 x 43 cm |
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Clownerie, 2009, Bronze,
38 x 27 x 10 cm |
Amazone (Gruß an Louis
Tuaillon),
2009, Bronze,
30 x 27 x 10 cm |
Fohlen, 2006,
Bronze,
33 x 28 x 7 cm |
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Einen eigenständigen Bereich bilden die
Grafiken, wobei der Künstler die Kaltnadelradierung bevorzugt. Aber auch
die Themen unterscheiden sich bis auf die Tierdarstellungen von denen
seiner Plastiken und Skulpturen, was an den über 100 in der
Rathaushalle ausgestellten Blättern aus den Jahren 1977 bis 2000
erkennbar wird. Neben relativ wenigen weiblichen Akten sind es vor
allem Selbstbildnisse und Porträts von Politikern und Dichtern aus
Gegenwart und Vergangenheit sowie Tierdarstellungen. |
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Der Warschauer Pakt
(Herzliche Begegnung), 1984, Kaltnadel, 32,5 x 94 cm, Probedruck |
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Bild links: Henry
Kissinger´s Bismarck-Rede, 1998, Kaltnadel, 24,2 x 15,5 cm,
Vorzugsdruck
Bild rechts: Oskar
Lafontaine, 2003, Kaltnadel, 10 x 17 cm |
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Der Mai ist gekommen,
(1, Mappe), 1977,
Kaltnadel,
15 x 11,5 cm, Probedruck |
Arschlöcher, alles Arschlöcher!, 1996,
Kaltnadel,13,4 x 12,6 cm, Vorzugsdruck |
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Doch ob es nun Einzelblätter oder Folgen
sind und auch unabhängig davon ob ein literarischer Text den
Ausgangspunkt für seine Arbeit bildet, Scheib
illustriert nie vorgegebene Inhalte noch kommt es ihm auf optische
Ähnlichkeit an. Besonders nachdrücklich werden die Besonderheiten seines
Wollens und die Brillanz seines breitgefächerten Könnens
an
unser Auswahl von über 150 Blättern erkennbar, die in der Schönheit der
Strichführung und Vielfalt der Gestaltung einmalig sind. |
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Text / Kuratorin: Prof.
Dr. Brigitte Rieger-Jähner |
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