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PACKHOF DES MUSEUMS
30.01.2005 - 20.03.2005

TREMEZZA VON BRENTANO (1942), Köln
MEDIENBLAU
Bilder der Mediengesellschaft - Malerei

zur Biografie

zur Biografie der Künstlerin Tremezza von Brentano

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"Für meine Zukunft sehe ich blau", lautet die Werbebotschaft einer Versicherungsfirma, die täglich über unsere Bildschirme flimmert und auf Bussen und Bahnen montiert an uns vorbeisaust. Eine gute Nachricht, denn viele von uns sehen für die Zukunft momentan schwarz. Doch die Werbung mit dem jeweils klar kalkulierten Verkaufsziel kann uns nur mit positiven Botschaften motivieren, mit etwas, an dem wir Anteil haben wollen. Es wird uns suggeriert, "dass jeder seines Glückes Schmied ist" und Glück, auch beruhend auf Sicherheit und Zufriedenheit, letztlich käuflich sind. Man will unser Bestes, und was das ist, ist klar definiert. Es ist unbestritten unser Geld. Doch andererseits muss man eingestehen, dass ganze Industriezweige von unseren Wünschen leben. Dagegen ist nichts einzuwenden, denn zum einen werden zur scheinbaren Befriedigung unserer Hoffnungen Unmengen von Arbeitsplätzen geschaffen, was unbestritten notwendig ist, und andererseits sind wir mündige Bürger. Wir können selbst entscheiden, was wir tun und kaufen und was nicht. Alles hat eben seine zwei Seiten.

So lügt der Sicherheit versprechende Werbespott "Für meine Zukunft sehe ich blau" durchaus nicht, denn die schöne, junge makellos wirkende Frau, die hier abgebildet ist, sieht unbestritten durch die blau gefärbten Gläser ihrer Sehhilfe. Warum sieht sie nicht durch die rosarote Brille, wie der Volksmund umgangssprachlich die Sichtweise der Verliebten zu umschreiben pflegt? Rosarot mag momentan die Modefarbe sein, aber Blau, das haben die Werbestrategen und Medienspezialisten längst erkannt, hat Langzeitwirkung und ist darüber hinaus geschichtsträchtig. Bereits die Romantiker wussten ihre Sehnsüchte und Zukunftsvisionen durch die Blaue Blume auszudrücken. Und auch noch heute zählt Blau bei über 40% der Männer und Frauen in Europa und Amerika zu deren Lieblingsfarbe. Ungebrochen ist diese mit positiven Assoziationen besetzt, wird mit Zuversicht, Wohlbefinden und vor allem Vertrauen gleichgesetzt. Banker und Politiker tragen zu öffentlichen Anlässen gerne Blau, auch wenn gerade bei diesen Berufsständen die Farbe kaum noch das gewünschte Ergebnis erzielt. Dennoch wird mit ihr eine kühle Ferne, die zugleich ungemein anziehend wirkt, suggeriert. Das wissen Reiseunternehmen ebenso wie die Zahnpasta- und Hautcremehersteller. Tremezza von Brentano, die die Medien- und Werbestrategien nachhaltig studiert und analysiert hat, nutzt das Erkannte für ihre Bildstrategien. In der uralten Technik der Malerei arbeitend, die immer wieder durch neue technische Erfindungen totgesagt wurde, weist sie auf deren Lebendigkeit und Aussagevielfalt hin.

Bereits der Titel unserer Ausstellung: "Medienblau, Bilder der Mediengesellschaft" macht mit der Thematik ihrer Arbeiten vertraut und wie Sie sehen, kommt in den ausgestellten Gemälden der Farbe Blau eine besondere Bedeutung zu. Doch nicht allein die Besonderheit der farbpsychologischen Wirkung wird von Brentano hinterfragt. Vielmehr ist es der hiermit in Zusammenhang stehende Mythos Schönheit, mit dem sich die Künstlerin facettenreich auseinandersetzt. Nicht nur Frauenzeitschriften verkünden ihn. Längst ist Schönheit über ein Statussymbol hinausgehend zum Evangelium einer neuen Religion geworden. Dieses Glaubenssystem ist gegenwärtig so mächtig, wie es einst die traditionellen Kirchen waren. Keiner von uns vermag sich ihm zu entziehen. Sei es nun die Faltenkrem oder die Wellnessfarm, die inzwischen auch Männer gern besuchen, der Schlankheitstee oder die Schlankstützstrumpfhose, das Haartönungsmittel oder der push-up BH , Jugend-Fitness und Schönheitswahn fordern ihren Tribut. Bis hin zu den Körper- und Gesichtsschnitten der Schönheitschirurgie reicht das umstrittene Spektrum, welches Brentano malend thematisiert. "Gestrafft, entschlackt, geliftet - die Deutschen auf dem Trip in die Larven Gesellschaft" stellte bereits der Spiegel in seiner Augustausgabe 1992 fest. Doch nicht allein von dieser realen medizinischen Schnitttechnik künden ihre Gemälde. Auch die Figurenan- und -ausschnitte sowie Körper und Gesichtsfragmente wählt die Künstlerin, der Werbung vergleichbar, für ihre Gestaltungen. Hinzu kommt die Momentanität der eingefrorenen Gestik, die die genormten Akteure, wie Klone aus der Retorte wirken und agieren lässt. Das führt dazu, dass das Geschehen auf ihren Bildern im Vergleich mit den Fotografien in den Hochglanzmagazinen noch unwirklicher, gleichsam surreal wirkt. Doch die Künstlerin beurteilt das Gesehene nicht, sie gibt es wertungsfrei wieder. Ihre Malerei bestätigt geradezu den Ausspruch Oscar Wildes, der feststellte: "Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach dem äußeren Schein. Das wahre Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare." Das wir dennoch die Widersprüchlichkeit dieser normiert fremdbestimmten Existenzen vor Augen geführt bekommen ist letztlich nicht auf den Inhalt, sondern auf die Form ihrer Bilder zurückzuführen. Da bei deren Oberflächengestaltung die Handschrift der Malerin im Unterschied zu den Medien nicht getilgt ist, wird die Fragwürdigkeit der heraufbeschworenen Mythen optisch nachvollziehbar. So wird der Botschaft: Nur wer sich diesem Jugend-Fitness- und Schönheitswahn unterzieht ist erfolgreich, wird geliebt und ist glücklich, Kauflust verhindert Lebensfrust durch die Realität ihrer Bilder widersprochen.

Kuratorin/Text: Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

Zu der Ausstellung "MEDIENBLAU" erscheint ein Katalog !

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Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 11.00 bis 17.00 Uhr

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