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HENRIK SCHRAT
Ali Baba und die 40 Räuber oder
Simeliberg |
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Wenn man
im Traum von Monstern attackiert wird, nervt das meist, aber es kann noch
schrecklicher sein, wenn kein Monster da ist. Wenn die Bedrohung keine
Gestalt hat, wird es richtig übel. Eine leere Stadt, und irgendwo lauert
irgendwas. Darüber können auch die himmlische Ruhe und das Idyll nicht
hinwegtäuschen. Viele Geschichten haben diese Plotvorlage benutzt,
unsichtbare Wesen oder einfach das Fehlen des Gegners oder das System
selbst greift an. Dann wird sinnlos in der Gegend herumgeballert, bis der
Wahnsinn sich wohltuend auf die Nerven senkt. Wenn es doch ein konkretes
Monster gibt, dann wundert es sich wohl, dass man sich selbst heftig
kneift, um aufzuwachen, statt die Wumme hochzureißen oder wegzulaufen. Die
gegenwärtige Wirtschaftskrise dürfte so schon viele blaue Flecke erzeugt
haben. Die albtraumhaften Qualitäten der momentanen Krise möchte ich
ergänzen um die märchenhafte. Es gibt eine gut passende Parabel für’s
Zeitgeschehen aus dem Märchenfundus. So global wie die Krise, so global
auch dieses Märchen: Es kommt in „1001 Nacht“ vor, dort heißt es „Ali Baba
und die 40 Räuber“, und es ist ähnlich auch bei den Gebrüdern Grimm zu
finden, unter dem Namen „Simeliberg“.
Die Grimms handeln es auf einer Seite ab, die Araber brauchen dafür
zwanzig. Die schlaue Sheherazade besänftigt mit ihren 1001 Geschichten
einen jungfrauenmordenden Sultan wie wir wissen. Fast alle Windungen der
Geschichte bieten sich als Vergleich an, wenn man die Krise im Blick
behält. Deshalb werde ich sie kurz nacherzählen. Es gibt zwei Brüder.
Einer arm und bescheiden, einer reich und gierig. Bei den Grimms sieht der
Arme im Wald zwölf Räuber, versteckt sich auf einem Baum und erlebt, wie
sich auf die Zauberformel „Berg Semsi; tu dich auf“ der kahle Berg öffnet
und die Räuber darin verschwinden. Nachdem sie wieder abgezogen sind,
versucht es der arme Bruder selbst und findet sich in einer Schatzkammer
wieder. Er hat den Pincode der Bande ausgespäht und überweist sich selbst
ein paar Euros. Nicht viel. Er geht heim, und sein Bruder erfährt davon.
Der zieht mit einem Karren los, um ihn mit Gold zu beladen, kommt in den
Berg und packt ordentlich auf. Jedoch, als er hinaus möchte, hat er vor
Aufregung und Gier den Code vergessen. Er ruft alles, was ihm einfällt,
aber muss im Berg bleiben. Bis irgendwann die Räuber zurückkommen und ihn
köpfen. Da hört’s auf bei den Grimms. In den Geschichten aus „1001 Nacht“
geht es da erst richtig los. Die Araber haben es schon damals begriffen,
dass das vermeintliche Ende einer Geschichte erst der Anfang des Dramas
ist. Das kann unmöglich hier alles erzählt werden, aber eine Windung der
Geschichte muss ich noch anfügen: Der gierige Bruder wird nicht nur
geköpft, sondern zur Abschreckung aufgespießt. Ali, der arme Bruder,
findet die Stücke irgendwann, bringt sie nach Haus, verbindet einem
Schneider die Augen, und der näht Casim, den Bruder, wieder zusammen.
Warum? Damit er eine gesellschaftlich akzeptable Beerdigung haben kann. Ab
hier wird die Geschichte verwickelt, prachtvoll, der Schneider wird
wichtig, die Kreidekreuze, die schlaue Sklavin und das siedende Öl. Mich
treibt die Frage um, wer in unserer Krise wohl den Schneider geben wird.
Zitiert aus dem Katalog der
DRESDNER BANK, anlässlich der Einweihung der Arbeit von HENRIK SCHRAT
„Wolfsampel“ am Raum für Kultur, Frankfurt am Main, Mai 2009. |
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Aus der Serie Ali Baba: 1
Durch den Wald, 2009,
Laserschnitt, Collage |
Aus der Serie Ali Baba: 2
Der Simeliberg,
2009, Laserschnitt, Collage |
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Aus der Serie Ali
Baba: 3
Sesam öffne Dich, 2009,
Laserschnitt, Collage |
Aus der Serie Ali
Baba: 4
Im Berg, 2009, Laserschnitt,
Collage |
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Wohl schon immer sahen Betrachter von Scheren-schnitten mehr
als nur schwarze Flächen, die von bizarren Konturen umrandet werden.
Denn Ornamente, Pflanzen, Tiere, Landschaftliches, Figuren oder
Porträts im Profil werden vom inneren Auge als räumlich und farbig
wahrgenommen. Auch wir greifen bereitwillig szenische
Andeutungen auf, da unsere Fantasie auf Geschichten-vollendung
fixiert ist und wir spinnen den dargebotenen Faden gern
weiter. Seinen großen Auftritt hatte der Scherenschnitt im
bürgerlichen und adligen Ambiente des Klassizismus und der
Romantik. Heile Welten, ironische Bildfindungen und ein
frappierendes Erfassen von persönlichen Eigenheiten waren
seine Qualitäten. |
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Pension
fighters, 2006, Laserschnitt, Sperrholz;
150 – 180 x 700 x 5 cm, Foto: Henrik Schrat |
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Comic - Produkt Cleaning,
Plastique Fantastique
& Henrik Schrat |
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Doch
mit dem Auftreten der Porträtfotografie ging das Interesse an dieser
Technik verloren. Dann fanden die Schattenbilder ihre Nischen in
Heimatstuben, auf Jahrmärkten und in Handarbeitszirkeln oder gelten als
Touristenattrak-tion. Doch das Faszinosum, mittels minimalem ästhetischen
Vokabular Personen und Welten zu kreieren, das bleibt. In den
Sechzigerjahren gab es zum Beispiel Märchenfilme aus der DDR oder der
ČSSR, die sich nur der bewegten Schatten bedienten, gleich den asiatischen
Schattenmarionetten.
Seit einigen Jahren sind auch wieder bildende Künstler vom
„Scherenschnitt“ oder dem Cut out fasziniert oder sie nutzen die Technik
des Laserschnitts für ihre Schattenspiele. Dabei findet besonders die
Diskrepanz zwischen harmloser Technik und den vielmals ironischen und
verstörenden Motiven ihr Interesse, wie wir es im Werk von Henrik Schrat
bestaunen können. Er studierte von 1991 - 1998 in Dresden an der
Hochschule für Bildende Künste Malerei und Bühnenbild und anschließend
zwei Jahre an der Slade School of Fine Art in London (Master Fine Art
Media). Er zeichnete damals und auch heute Comics und ist stark an
Zusammenarbeiten mit anderen Künstlern interessiert.
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Comic - Froschschlaufe
Hans-Christian Dany &
Henrik Schrat |
Comic - Disaster Casual
Olav Westphalen &
Henrik Schrat |
Comic - Hongo Crossing
Stefan Heidenreich &
Henrik Schrat |
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Oft gibt es eine vage Idee und dann entstehen in engster Zusammenarbeit
die Text- und Bildvorstellungen. Thematisch kollidieren in diesen
Comic-Welten Reales – sprich ökonomisch Zwanghaftes – mit utopisch
Skurrilem und gar Abgedrehtem. Parallel dazu entwickelte er über
verschiedene Zwischenstufen seine Schattenszenerien. Sie können zum
Beispiel die Schwibbogenromantik der Erzgebirgler mit zeitgemäßen
Motivwelten konfrontieren oder die Wände des Casinos des Deutschen
Bundestages (Jakob-Kaiser-Haus) mit verschroben-skurrilen Bildern aus dem
Schlaraffenland für Verbraucher zieren. Andere Projekte sind stärker
sozial konnotiert und wuchern überlebensgroß die Wände voll. Dort wirft
das schlecht genährte Lagerfeuer der sozialen Marktwirtschaft obskure und
beängstigende Gespenster an die Wände der Galerien, Banken, Ministerien
und Wohnviertel. Wir können auch - oder noch lächeln über die
bewaffneten Rentner, über den Bildwitz einer Mutation eines Anzugträgers
zum Flügelwesen oder uns an den semantischen Wandlungen seiner
Bildkaskaden erfreuen. Doch einige Tableaus bringen uns an die Grenze, wo
die Kunst sich auflöst und sich ein kaltes Elend einer zukünftigen
politischen, ökonomischen und soziokulturellen Entgleisung aus der Fläche
in den Raum bewegen könnte.
In drei von sechs Räumen des PackHofes
inszeniert er Schattenrisse zum Thema“ Ali Baba und die vierzig Räuber“
mit eigenwilligen Gestalten und dem Inventar aus der modernen
Geschäftswelt. Konkret ist das sein Kommentar zur derzeitigen
Finanzkrise, zur Raffgier, zur Habsucht, zur Maßlosigkeit und zum
Ausschalten des „gesunden Menschenverstandes“ durch Reichtum, bzw. durch
die bestehenden Erfolgsaussichten ihn zu erlangen. Im Deutschen gibt es zu
diesem arabischen Märchen die kurze Fassung seitens der Gebrüder Grimm.
Dort heißt der Berg Simeliberg, wie der Titel der Ausstellung. Wir erleben
eine bizarre Mischung aus beiden Märchenvarianten, aus der deutschen,
etwas knapp gehaltenen, und aus der grausam „ausgeschmückten“ längeren
Variante. Der eine Bruder ist arm und sympathisch, der andere ist
natürlich genau das Gegenteil: reich und habgierig. Bekannt ist, dass der
Bruder von Ali Baba ebenfalls in den Berg gelangte. Er lauschte sich das
Losungswort zum Öffnen ab – vergas leider den Code um wieder
hinauszugelangen. Der Berg öffnete sich nicht und er hielt sich noch
inmitten des Goldes auf, als die Räuber kamen. Sie töteten und
zerstückelten ihn. Der Künstler gibt diese Story in einer Kurzfassung, mit
entsprechender Kommentierung wieder. Die Moral der Geschichte: Die
Raffgier wird hier bestraft, es trifft den Richtigen. (Im gegenwärtigen
Leben trifft es ja bei den Bestrafungen vorrangig die Falschen.) Und der
Besucher steht vor einem großen Berg, hinter dem diese Schätze zu
vermuten sind - und erkennt vielleicht nicht den aufgespießten Kopf des
Bruders von Ali Baba. Wir umschreiten den Berg, treffen auf Bankschalter,
auf bürokratisches Inventar, auf Allesfresser, auf die Untergeher oder
Aufsteiger unserer Zeit. Wir befinden uns in einer Schattenwelt – sie hat
die Wand verlassen hat und weilt jetzt unter uns.
Armin Hauer
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Kurator: Armin Hauer -
stellv. Direktor des Museums Junge Kunst |
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