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PACKHOF DES MUSEUMS
Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Str.11
17.05.2009 -
12.07.2009

HENRIK SCHRAT (1968), BERLIN
SIMELIBERG
[
Achtung - Ausstellung um 1 Woche verlängert ]

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zur Biografie von Henrik Schrat

zur Biografie

Eröffnung am 17. Mai 2009 um 11 Uhr im Packhof des Museums
17. Mai 2009 -
Internationaler Museumstag 2009

EINLADUNG


HENRIK SCHRAT
Ali Baba und die 40 Räuber oder Simeliberg

Wenn man im Traum von Monstern attackiert wird, nervt das meist,  aber es kann noch schrecklicher sein, wenn kein Monster da ist.  Wenn die Bedrohung keine Gestalt hat, wird es richtig übel. Eine leere Stadt, und irgendwo lauert irgendwas.  Darüber können auch die himmlische Ruhe und das Idyll nicht hinwegtäuschen.  Viele Geschichten haben diese  Plotvorlage benutzt, unsichtbare Wesen  oder einfach das Fehlen des Gegners oder das System selbst greift an. Dann wird sinnlos in der Gegend herumgeballert, bis der Wahnsinn sich wohltuend auf die Nerven senkt. Wenn es doch ein konkretes Monster gibt, dann wundert es sich wohl, dass man sich selbst heftig kneift, um aufzuwachen, statt die Wumme hochzureißen oder wegzulaufen. Die gegenwärtige Wirtschaftskrise dürfte so schon viele blaue Flecke erzeugt haben. Die albtraumhaften Qualitäten der momentanen Krise möchte ich ergänzen um die märchenhafte. Es gibt eine gut passende Parabel für’s Zeitgeschehen aus dem Märchenfundus. So global wie die Krise, so global auch dieses Märchen: Es kommt in „1001 Nacht“ vor, dort heißt es „Ali Baba und die 40 Räuber“, und es ist ähnlich auch bei den Gebrüdern Grimm zu finden, unter dem Namen „Simeliberg“.
Die Grimms handeln es auf einer Seite ab, die Araber brauchen dafür zwanzig. Die schlaue Sheherazade besänftigt mit ihren 1001 Geschichten einen jungfrauenmordenden Sultan wie wir wissen. Fast alle Windungen der Geschichte bieten sich als Vergleich an, wenn man die Krise im Blick behält. Deshalb werde ich sie kurz nacherzählen. Es gibt zwei Brüder. Einer arm und bescheiden, einer reich und gierig. Bei den Grimms sieht der Arme im Wald zwölf Räuber, versteckt sich auf einem Baum und erlebt, wie sich auf die Zauberformel „Berg Semsi; tu dich auf“ der kahle Berg öffnet und die Räuber darin verschwinden. Nachdem sie wieder abgezogen sind, versucht es der arme Bruder selbst und findet sich in einer Schatzkammer wieder. Er hat den Pincode der Bande ausgespäht und überweist sich selbst ein paar Euros. Nicht viel. Er geht heim, und sein Bruder erfährt davon. Der zieht mit einem Karren los, um ihn mit Gold zu beladen, kommt in den Berg und packt ordentlich auf. Jedoch, als er hinaus möchte, hat er vor Aufregung und Gier den Code vergessen. Er ruft alles, was ihm einfällt, aber muss im Berg bleiben. Bis irgendwann die Räuber zurückkommen und ihn köpfen. Da hört’s auf bei den Grimms. In den Geschichten aus „1001 Nacht“ geht es da erst richtig los. Die Araber haben es schon damals begriffen, dass das vermeintliche Ende einer Geschichte erst der Anfang des Dramas ist. Das kann unmöglich hier alles erzählt werden, aber eine Windung der Geschichte muss ich noch anfügen: Der gierige Bruder wird nicht nur geköpft, sondern zur Abschreckung aufgespießt. Ali, der arme Bruder, findet die Stücke irgendwann, bringt sie nach Haus, verbindet einem Schneider die Augen, und der näht Casim, den Bruder, wieder zusammen. Warum? Damit er eine gesellschaftlich akzeptable Beerdigung haben kann. Ab hier wird die Geschichte verwickelt, prachtvoll, der Schneider wird wichtig, die Kreidekreuze, die schlaue Sklavin und das siedende Öl. Mich treibt die Frage um, wer in unserer Krise wohl den Schneider geben wird.
Zitiert aus dem Katalog der DRESDNER BANK, anlässlich der Einweihung der Arbeit von HENRIK SCHRAT „Wolfsampel“ am Raum für Kultur, Frankfurt am Main, Mai 2009.

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Aus der Serie Ali Baba: 1
Durch den Wald, 2009, Laserschnitt, Collage

Aus der Serie Ali Baba: 2
Der Simeliberg, 2009, Laserschnitt, Collage

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Aus der Serie Ali Baba: 3
Sesam öffne Dich, 2009, Laserschnitt, Collage

Aus der Serie Ali Baba: 4
Im Berg, 2009, Laserschnitt, Collage


Wohl schon immer sahen Betrachter von  Scheren-schnitten mehr als nur schwarze Flächen, die von bizarren Konturen umrandet werden. Denn Ornamente, Pflanzen, Tiere, Landschaftliches, Figuren oder Porträts im Profil werden vom inneren Auge als räumlich und farbig wahrgenommen.  Auch wir greifen bereitwillig szenische Andeutungen auf,  da unsere Fantasie auf Geschichten-vollendung fixiert ist und wir spinnen den  dargebotenen Faden gern weiter. Seinen großen Auftritt hatte der Scherenschnitt im bürgerlichen und adligen Ambiente  des Klassizismus und der Romantik.   Heile Welten, ironische Bildfindungen und ein frappierendes Erfassen  von persönlichen Eigenheiten waren seine Qualitäten.

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Pension fighters, 2006, Laserschnitt, Sperrholz;
150 – 180 x 700 x 5 cm, Foto: Henrik Schrat

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Comic - Produkt Cleaning,
Plastique Fantastique & Henrik Schrat

Doch mit dem Auftreten der Porträtfotografie ging das Interesse an dieser Technik verloren. Dann fanden die  Schattenbilder ihre Nischen in Heimatstuben, auf Jahrmärkten und in   Handarbeitszirkeln oder gelten als  Touristenattrak-tion. Doch das Faszinosum, mittels  minimalem ästhetischen Vokabular Personen und Welten zu kreieren, das bleibt. In den Sechzigerjahren gab es zum Beispiel Märchenfilme aus der DDR oder der ČSSR, die sich nur der bewegten Schatten bedienten, gleich den asiatischen Schattenmarionetten.
Seit einigen Jahren sind auch wieder bildende Künstler vom „Scherenschnitt“ oder dem Cut out fasziniert oder sie  nutzen die Technik des Laserschnitts für ihre Schattenspiele. Dabei findet besonders die Diskrepanz zwischen  harmloser Technik und den vielmals ironischen und verstörenden Motiven ihr Interesse, wie wir es im Werk von Henrik Schrat bestaunen können. Er  studierte von 1991 - 1998 in Dresden an der Hochschule für Bildende Künste Malerei und Bühnenbild und anschließend zwei Jahre an der Slade School of Fine Art in London (Master Fine Art Media). Er zeichnete damals und auch heute Comics und  ist stark an Zusammenarbeiten mit anderen Künstlern interessiert.

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Comic - Froschschlaufe
Hans-Christian Dany &
Henrik Schrat

Comic - Disaster Casual
Olav Westphalen &
Henrik Schrat

Comic - Hongo Crossing
Stefan Heidenreich &
Henrik Schrat

Oft gibt es eine vage Idee und dann entstehen in engster Zusammenarbeit die Text- und Bildvorstellungen. Thematisch kollidieren  in diesen Comic-Welten Reales – sprich ökonomisch Zwanghaftes – mit utopisch Skurrilem und gar Abgedrehtem.  Parallel dazu entwickelte er über verschiedene  Zwischenstufen seine Schattenszenerien. Sie können zum Beispiel die Schwibbogenromantik der Erzgebirgler mit zeitgemäßen Motivwelten konfrontieren oder die Wände des Casinos des Deutschen Bundestages (Jakob-Kaiser-Haus) mit verschroben-skurrilen  Bildern aus dem Schlaraffenland für Verbraucher zieren. Andere Projekte sind stärker  sozial konnotiert und wuchern überlebensgroß die Wände voll. Dort wirft das schlecht genährte Lagerfeuer  der sozialen Marktwirtschaft obskure und beängstigende Gespenster an die Wände der Galerien, Banken, Ministerien und Wohnviertel. Wir können auch - oder noch   lächeln über die  bewaffneten Rentner, über den Bildwitz einer Mutation eines Anzugträgers zum Flügelwesen oder uns an den semantischen Wandlungen  seiner  Bildkaskaden erfreuen. Doch einige Tableaus bringen uns an die Grenze, wo die Kunst sich auflöst und sich ein kaltes Elend einer zukünftigen politischen, ökonomischen und soziokulturellen Entgleisung aus der Fläche in den Raum bewegen könnte.

In drei von sechs Räumen des PackHofes inszeniert er  Schattenrisse zum Thema“ Ali Baba und die vierzig Räuber“ mit   eigenwilligen Gestalten und dem Inventar aus der modernen Geschäftswelt. Konkret ist das sein Kommentar zur  derzeitigen Finanzkrise, zur Raffgier, zur Habsucht, zur Maßlosigkeit und zum Ausschalten des „gesunden Menschenverstandes“ durch Reichtum, bzw. durch die bestehenden Erfolgsaussichten ihn zu erlangen. Im Deutschen gibt es zu diesem arabischen Märchen die kurze Fassung seitens der Gebrüder Grimm. Dort heißt der Berg Simeliberg, wie der Titel der Ausstellung. Wir erleben eine bizarre Mischung aus beiden Märchenvarianten, aus der deutschen, etwas knapp gehaltenen, und aus der grausam „ausgeschmückten“ längeren Variante. Der eine Bruder ist arm und  sympathisch, der andere ist natürlich genau das Gegenteil: reich und habgierig. Bekannt ist, dass der  Bruder von  Ali Baba ebenfalls in den Berg gelangte. Er lauschte sich das Losungswort zum Öffnen ab – vergas leider den Code um  wieder hinauszugelangen. Der Berg öffnete sich nicht und er  hielt sich noch inmitten des Goldes auf, als die Räuber kamen. Sie töteten und zerstückelten ihn. Der Künstler gibt diese Story in einer Kurzfassung, mit entsprechender Kommentierung wieder. Die Moral der Geschichte: Die Raffgier wird hier bestraft, es trifft den Richtigen. (Im gegenwärtigen Leben trifft es ja bei den Bestrafungen  vorrangig die Falschen.)  Und der Besucher  steht vor einem großen Berg, hinter dem diese Schätze zu vermuten sind  - und erkennt vielleicht nicht den aufgespießten Kopf des Bruders von Ali Baba. Wir umschreiten den Berg,  treffen auf Bankschalter, auf bürokratisches Inventar, auf Allesfresser, auf die Untergeher oder Aufsteiger unserer Zeit.  Wir befinden uns in einer Schattenwelt – sie hat die  Wand verlassen hat und weilt jetzt unter uns.
Armin Hauer

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Kurator: Armin Hauer - stellv. Direktor des Museums Junge Kunst


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Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag  von 11.00 bis 17.00 Uhr

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